AG Cilander

Die Veredler setzen auf Nachhaltigkeit

— Jeroen van Rooijen
Die AG Cilander in Herisau ist einer der ältesten Betriebe der schweizerischen Textilindustrie und einer der wichtigsten Spezialisten für die Veredlung von Baumwoll- und Mischgeweben. CEO Vincenzo Montinaro glaubt auch über 200 Jahre nach der Gründung des Unternehmens fest an die Zukunft des Standorts Schweiz.

Nachhaltigkeit und Regionalität sind gesellschaftliche Megatrends – zumindest in der Landwirtschaft, der Gastronomie und im Tourismus. Bei der Garderobe hapert es bei vielen Konsumentinnen und Konsumenten noch mit dem Bewusstsein, aber: Es verändert sich. Entsprechend beschäftigt das Thema der nachhaltigen, also ressourcen- und umweltschonenden Produktion auch die Textilindustrie. Im Besonderen betrifft dies die Veredler, die mit viel Wasser und Chemie Stoffe ausrüsten, sodass sie bessere und zusätzliche Trageeigenschaften bekommen – man nennt dies auch «Funktionalisierung» des Textils.

Zu den traditionsreichsten Veredlungsspezialisten des Landes gehört die AG Cilander im appenzellischen Herisau, die bereits seit 1814 Stoffe ausrüstet – hauptsächlich Baumwollstoffe für Blusen, Hemden und Hosen, aber immer öfter auch technische Textilien für industrielle Zwecke. Wasser- und Energieverbrauch sind bei der AG Cilander von alters her grosse Positionen – mit ein Grund, warum die Firma seit Langem eigene Quellen in der Region bewirtschaftet und neuerdings mit sehr viel Aufwand und Engagement auch Projekte zur Abwasserreinigung und Energierückgewinnung vorantreibt.


Die Textilveredlung ist ein energieintensives Geschäft. Aus Eigeninteresse setzt die AG Cilander alles daran, so ressourcenschonend wie möglich zu produzieren.

Investitionen in zweistelliger Millionenhöhe

Heute, im 204. Jahr der Firmengeschichte und fast 60 Jahre, nachdem die erste betriebseigene Abwasserreinigung installiert wurde, ist der Umweltschutz ein zentrales Anliegen der AG Cilander. «Unser Energiemanagement hat oberste Priorität», sagt CEO Vincenzo Montinaro, der den Betrieb seit 2010 leitet. Der Strombedarf wird nur über Wasserkraft gedeckt – es kommt kein Atomstrom zum Einsatz, dafür aber Biobrennstoff, etwa aus Schlachtabfällen. Der Wasserverbrauch pro Laufmeter Textilien (es sind rund 20 Millionen pro Jahr) konnte in den letzten Jahren halbiert werden und beträgt derzeit noch etwa 15 Liter. 

Schon heute hat die AG Cilander alle relevanten STeP-, GOTS-, Ökotex- und andere Umweltzertifikate. «Wir brauchen uns vor keinem der internationalen Sustainability-Auditoren mehr zu verstecken», sagt CEO Montinaro. Dennoch geht die Erneuerung von Anlagen und Prozessen laufend weiter. Derzeit läuft bei der AG Cilander ein grosses Investitionsprogramm, das bis 2022 angelegt ist und ein Volumen von mehreren Millionen Franken hat. Überall auf dem weitläufigen Areal am Glattbach sind die Spuren dieses Umbruchs zu sehen – da werden ganze Hallen und Produktionslinien umgebaut, um künftig noch effizienter und umweltschonender zu arbeiten.


In die Produktion am Standort Herisau wird weiter investiert, um in Zukunft noch umweltschonender zu produzieren.

Privileg des Standorts

Die AG Cilander ist mit 200 Mitarbeitenden ein bedeutender Arbeitgeber in der Region – in der über 200-jährigen Firmengeschichte, die im hauseigenen Archiv lückenlos dokumentiert ist, ist das Unternehmen selbst ein Spiegel der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung der hier ansässigen Textilindustrie. «Zu unseren Stärken gehören Qualitätsbewusstsein, Aufrichtigkeit, Tüftlertum und Erfindergeist – das ist 1:1 auch die Mentalität der Region», sagt Vincenzo Montinaro. Die Tradition sei die wichtigste Basis für Neues: «Unser Kapital sind unser Know-how und unsere Erfahrung», sagt der CEO. Und weil dies mit den Menschen der Region zu tun habe, sehe er auch in Zukunft viel Potenzial für den zwar teuren, aber privilegierten Produktionsstandort in der Ostschweiz.



Internationale Topwebereien wie die Weberei Appenzell oder Albini lassen ihre Stoffe in Herisau ausrüsten, renommierte Markenhersteller wie Eton, Dior Homme, Hermès oder Chanel arbeiten mit Textilien, die bei der AG Cilander veredelt wurden. Doch anders als früher, als die AG Cilander ein reiner Lohnveredler (also im Auftrag externer Webereien) tätig war, verkauft die Firma heute auch Stoffe in Eigenregie, vor allem über die seit den 1980er-Jahren zugekauften Converter und Kollektionsentwickler wie Alumo, Eugster & Huber oder Brennet Fashion. «Manchmal muss man die Spielregeln neu definieren, um fortzubestehen», sagt Vincenzo Montinaro, der überzeugt ist, dass es die Firma heute nicht mehr gäbe, wenn die Eigentümer der AG Cilander nicht früh die Weitsicht gehabt hätten, in die Vertikalisierung zu investieren und bereit waren, schwierige Zeiten der Transformation durchzustehen.

Technische Stoffe und Spezialitäten

Ein zweiter wichtiger strategischer Schachzug der AG Cilander war es, ab 2004 neben dem Geschäft mit den Bekleidungstextilien rechtzeitig ein zweites Standbein zu etablieren, nämlich jenes mit den technischen Textilien, die heute bereits fast 50 Prozent des Umsatzes der Firma beisteuern. So kommt es, dass die AG Cilander heute nicht nur bei edlen Hemden- und Blusenstoffen ein klingender Name ist, sondern auch im Bereich der Architektur, etwa mit Zelten und Dachmembranen. Weitere Einsatzbereiche sind Schleifmittel, Rollos und Sitzbezüge für Autos, Züge und Flugzeuge sowie Schutzbekleidung für Berufe mit besonderen Anforderungen.

Gegenüber früher, als die AG Cilander für wenige grosse Kunden jeweils «Autobahnen» von Zehntausenden Metern Stoff ausrüstete, erwirtschaften Vincenzo Montinaro und sein Team den Umsatz heute mit sehr viel mehr kleineren und spezialisierteren Anbietern. Gemeinsam mit diesen und abgestimmt auf ihre spezifischen Bedürfnisse werden 95 Prozent der Ideen direkt mit den Kunden entwickelt. «Die hohe Kunst ist die Kombination verschiedener Funktionen, die beständig sind, ohne zu schnell zu degradieren», erklärt Montinaro.


Neben der Veredlung von Bekleidungsstoffen gewinnt die Veredlung von Geweben für die Architektur, den Transport und Schutzbekleidung an Bedeutung.

Stoffe «können» immer mehr

Eines der Schlüsselthemen der nahen Zukunft lautet für die AG Cilander «Sustainable Performance Finishing» – da geht es etwa um fluorcarbonfreie Jackenstoffe, die trotzdem wasserabweisend sind, oder bügelfreie Ausrüstungen, die auch ohne Formaldehyd sehr gute Leistungen erbringen. Ein spannendes neues Thema sind aber auch Ausrüstungen von Stoffen für Patienten mit dermatologischen Problemen – hierzu laufen verschiedene Projekte und Entwicklungen.

Die Ausrüstungspalette der Textilveredler aus Herisau umfasst heute die Themen Comfort, Travel, Special Features oder Wellness. Das meiste, was produziert wird, wird exportiert. Ja nach Weltgegend sind die Ansprüche wieder anders. So beliefert die AG Cilander etwa arabische und afrikanische Märkte mit Stoffen für Kleidung und Kopfbedeckungen – im arabischen Raum ist etwa der kühlende «Crispy»-Finish der Cilander-Baumwolle sehr gefragt. «Die Welt der textilen Ausrüstungen ist noch nicht zu Ende entwickelt», sagt CEO Vincenzo Montinaro, «wir gehen weiterhin jeden Tag mit offenen Augen und Ohren durch die Welt, um zu spüren, was die Menschen beschäftigt und wie man ihnen mit Textilien helfen kann.»


Bei der AG Cilander entstehen immer wieder neue Rezepturen, um die Funktionen und Qualitäten der Stoffe weiterzuentwickeln.


PORTRÄT

Die Wurzeln der Aktiengesellschaft Cilander, 1814 als Meyer & Mittelholzer gegründet, reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück, als die wachsende ausserrhodische Textilindustrie gemeinsame Anlagen zur Textilver-edlung errichtete. 1887 wurde die Firma in AG Cilander umbenannt – der Name ist ein Fantasiebegriff, wahlweise abgeleitet von den Arbeitsmitteln und Prozessen (Zylinder und Kalandrieren) oder von dem in der Region an Bächen wachsenden Seidelbast (Zylander). Zuerst war die AG Cilander eine Stoffdruckmanu-faktur, später spezialisierte sie sich immer mehr auf die Ausrüstung von Baumwollstoffen, also das Bleichen, Färben und Appretieren. Heute veredelt sie jährlich 20 Millionen Laufmeter Textilien. Der jährliche Umsatz beträgt rund 56 Millionen Franken, davon werden rund 2 bis 3 Millionen in die Erneuerung investiert. Die AG Cilander mit Werken in Herisau, Flawil und Lützelfluh befindet sich mehrheitlich im Besitz der Steinegg AG, die wiederum Teil der Steinegg Stiftung ist. Die Firma beschäftigt rund 200 Mitarbeitende, davon ein Drittel Frauen. Zwölf Auszubildende absolvieren bei der AG Cilander ihre Lehre. Chef der vierköpfigen Ge-schäftsleitung ist der 1965 in der Ostschweiz geborene, studierte Betriebswirt Vincenzo Montinaro.


AG Cilander
Cilanderstrasse 19
CH 9100 Herisau AR

T: +41 71 353 32 11

www.cilander.ch



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