AirWork & Heliseilerei GmbH

Seile, die Tonnen tragen

— Jeroen van Rooijen
Die AirWork & Heliseilerei GmbH am Zugersee stellt Spezialseile für Helikoptertransporte her. Dank umfassender Kenntnisse der Normen und Vorschriften sowie ausgeklügeltem Handwerk hat die Firma eine Nische gefunden, in der sie zur Weltspitze gehört.

Wintersportler, die gerne ein bisschen risikoreich unterwegs sind, werden sich schon gefragt haben, wie es wohl so ist, wenn man am Haken eines Rettungshelikopters hängt und hochgezogen wird. Man wünscht sich dann wohl, dass die Retter ihr Handwerk verstehen. Und auch, dass das Seil, an dem das Leben hängt, von zuverlässiger Qualität ist. Dafür, dass dem so ist, bürgen seit bald 20 Jahren Enrico Ragoni und sein Team der AirWork & Heliseilerei in Immensee. Die Firma stellt Seile für Helikoptereinsätze her – und das ist viel, viel anspruchsvoller, als es auf den ersten Blick aussieht.


Dieses Verschlusssystem wurde aufgrund der spezifischen Anforderungen des Kunden neu entwickelt.
Das Archiv an Warenmuster ist immer wieder Inspiration für neue Produkte.

Vom Forstwart zum weltweit gelesenen Autor

1983 fing Enrico Ragoni, gelernter Forstwart, in Küssnacht am Rigi in der Helog AG an. «Wir flogen Holz – Logging war unser Leben.» Manchmal gab es quasi als Zückerchen eine Seilbahnmontage. Die extremen Belastungen im Logging führten zu massiven Problemen mit den Seilen und dem Zubehör. «Wir haben damals sehr viel Zeit am Boden verloren, weil immer wieder Seile repariert werden mussten», erinnert er sich.

1993 bis 1997 war Enrico Ragoni dann bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt SUVA tätig und erarbeitete als federführender Autor ein Lehr- und Lernmittel für die Ausbildung von Flughelfern. Der Flughelfer-Syllabus war ein Meilenstein und ist heute Teil der europäischen Luftfahrtregelung. Für Laien ist das Werk kein Vergnügen: «Es geht um Normen und Sicherheit, und dies in einer sehr spezifischen Sprache», sagt Ragoni, «doch wenn man nicht präzise ist, kann man ein solches Handbuch weder in andere Sprachen übersetzen noch mit Fachleuten diskutieren.» Der Flughelfer-Syllabus wurde in vier Sprachen weltweit vertrieben.

«Wir kennen unsere Kunden über Generationen von Seilen.» – Enrico Ragoni

Eroberung eines Nischenmarktes

1997, nach Abschluss dieses Projekts, gründete Ragoni mit Mitstreitern die Firma NSBIV AG in Luzern und 1999 die AirWork Ragoni Services GmbH in Ebikon. Er wollte Produkte entwickeln, die die Heli-Fliegerei effizienter und wirtschaftlicher machen würden. Er wusste aber auch, dass es kein grosser Markt sein würde: In der Schweiz gibt es rund 40 Firmen, davon etwa 30, die Helikopter für Aussenlasten im Einsatz haben. Es sind Transportbetriebe und Rettungsfirmen, Militär und Polizei, Feuerwehr oder Katastrophenschutz. Darum arbeitet Ragoni heute auch fürs umliegende Ausland. «Alleine vom Schweizer Markt könnten wir nicht leben», sagt der Seilfachmann.

2007, als sein Geschäftspartner Hermann Wyder von der Heliseilerei GmbH pensioniert wurde, wurden beide Firmen zusammengelegt zur AirWork & Heliseilerei GmbH. Zu fünft arbeitet das Team an individuellen Seilkonstruktionen, «denn Heliseile sind fast immer massgeschneidert», sagt Enrico Ragoni. Es geht um besondere Längen, Farben, Belastungsgrenzen, Zubehöre und Beschläge. «Wir kennen unsere Kunden über Generationen von Seilen.» Dadurch sei sein Team auch in der Lage, spezifische Seile selbst Jahre später noch nachzuliefern.


Heliseile transportieren nicht nur Gegenstände oder Tiere sondern oftmals auch Menschen. Diese Seilkonstruktion trägt gleich mehrere Personen.
Über zwanzig Jahre Know-How hängt an dieser Wand.

Seile, die bis zu 10 Elefanten tragen

Früher wurden für Helikoptertransporte in der Regel Stahlseile verwendet, die mit 50 Meter Länge und Lasthaken im Metalkorb schon mal 150 Kilo auf die Waage bringen konnten. Heute wird vor allem mit textilen Seilen gearbeitet, etwa solchen aus Dyneema. Die hochfesten synthetischen Fasern aus Holland sind sehr leicht und belastbar. Ein Seil für eine Nutzlast von fünf Tonnen hat einen Sicherheitsfaktor von bis zu 12, also eine Bruchlast von 60 Tonnen – und wiegt trotzdem «nur» 40 Kilogramm auf 50 Meter Länge. Gerade in Arbeit ist ein Seil, das eine Nutzlast von neun Tonnen hat und zudem ist ein Seil in Entwicklung, das zwölf Tonnen aushält. Und dies sind nur die Tragelasten im Flug – denn in dem Moment, in dem die Fracht angehoben wird, muss so ein Seil kurzzeitig bis zur zweieinhalbfachen Belastung aushalten. «Beim Logging können die Lastspitzen aber leicht das vier- bis fünffache der Nutzlast erreichen», so Ragoni. Der Ruck wird mit einem elastischen Zwischenstück unmittelbar unter dem Helikopter kompensiert, das Seil selbst muss aber möglichst steif sein. «Wenn es zu schwingen beginnt, muss man ganz schnell reagieren und die Last absetzen oder schlimmstenfalls abwerfen, sonst geht es schief.»

Jedes Seil ist individuell. «Standardaufträge» gibt es bei der Heliseilerei wenige. Die Längen variieren zwischen fünf und 50 Metern. Es gibt auch Seile bis 60 Meter Länge, etwa wenn in Schluchten oder Felswänden geflogen werden muss. Das längste Seil, dass je bei AirWork hergestellt wurde, misst 200 Meter in der Länge und acht Millimeter im Durchmesser und wird für die Erforschung der Wolken mit hochsensiblen Messgeräten verwendet. Ein Teil der Seile wird mit einem Elektroleiter ausgerüstet, sodass der untere Lasthaken vom Piloten elektrisch ausgelöst werden kann. Die Kunst ist hierbei, zwei verschiedene Leinen so miteinander zu verbinden, dass beide voll funktionsfähig sind.


Bei der AirWork & Heliseilerei GmbH setzt man auf das Handwerk und neue Technologien.
Der gelernte Seiler verknüpft in sekundenschnelle die einzelnen Teile.

Trotz Digitalisierung, Zukunftsaussichten bleiben positiv

Seile haben auch spezifische Lebenszyklen. Die verwendeten polymeren Werkstoffe sind zwar leicht und extrem belastbar, doch sie altern. Die TU Stuttgart hat das exemplarisch an Kletterseilen überprüft, die über Dutzende von Monaten gelagert und periodisch geprüft wurden und sich auch dann veränderten, wenn sie nicht gebraucht wurden. Das bedeutet für Enrico Ragoni von der Heliseilerei, dafür zu sorgen, dass seine Kunden hierfür sensibilisiert sind. Bei ihm selbst geht es noch ein Stückchen weiter: «Ich sehe einem Seil inzwischen an, wie es ihm geht.»

«Einen Seiler kann man vorläufig noch nicht durch eine App ersetzen.» – Enrico Ragoni

Zwar gebe es durchaus Mitbewerber, sagt Enrico Ragoni, aber: «Was uns auszeichnet, ist die Tiefe der Kenntnisse über die Vorschriften und Normen des Maschinenbaus, der Luftfahrt und spezifischer Anforderungen der Kunden, kombiniert mit der technischen Fähigkeit, besondere und massgeschneiderte Produkte zu entwickeln.» Auch die Verbindungsstücke, mit denen Seile untereinander gekoppelt oder mit Helikopter und Last verbunden werden, seien essenziell. «Wir entwickeln geschmiedete Spezialhaken, die man auch einhändig bedienen kann und die keinerlei lose Teile haben», sagt der Fachmann.

Auf dem Tisch in der Heliseilerei, in einem langen Gebäude zwischen Autobahn und Bahnlinie, liegt ein solches massgefertigtes Seil. Es ist ein Auftrag für Spezialeinheiten. Behutsam legt Enrico Ragoni das leuchtend orangefarbene Seil gerade und sinniert: «Wir sind schon fast archaische Handwerker. Auch das Spleissen geht nicht maschinell.» Spleissen ist eine Kunst, und Kunst kommt von Können. Ein Mitarbeiter der Heliseilerei – notabene der einzige gelernte Seiler der Firma! – führt mit raschen Handgriffen vor, wie man es macht. Sein Chef schaut zufrieden zu und nickt: «Einen Seiler kann man vorläufig noch nicht durch eine App ersetzen.»x



PORTRÄT

AirWork & Heliseilerei GmbH

Die AirWork & Heliseilerei GmbH in Immensee am Zugersee entwickelt, produziert und wartet Transportseile und Seilkonstruktionen für den Einsatz in der Luftfahrt. CEO der Firma ist Enrico Ragoni, der auch Ansprechpartner für die Bereiche Engineering und Produktion ist. Die Firma hat eine Zulassung der EASA für die Herstellung von Luftfahrzeugteilen, insbesondere für die Personenrettung und ist Mitglied im Arbeitskreis Seil- und Hebetechnik des Verbands Swiss Textiles.


AirWork & Heliseilerei GmbH
Bahnhofweg 1
6405 Immensee

T: +41 41 420 49 64

www.air-work.com