ALBIRO AG

Aufs Detail kommt es an

— Jeroen van Rooijen
Die Firma ALBIRO in Sumiswald ist eine der führenden Schweizer Herstellerinnen technischer Berufsbekleidung. Was der Fantasiename bedeutet, wird erst die siebente Generation der Emmentaler Familie in zehn Jahren enthüllen.

«Wir machen nicht Mode, sondern technische Produkte zum Anziehen», sagt Roland Loosli und streicht mit der Hand über die Seitentasche einer währschaften Arbeitshose, die auf dem Tisch liegt. «Bei uns geht es um Funktionen und Passform, nicht um Trends oder Farben», so der Chef der ALBIRO in Sumiswald. Es ist kein Zufall, dass der Chef über Hosen spricht. Beinkleider sind für ALBIRO das tägliche Brot. Sie machen rund die Hälfte des Auftragsvolumens von einer Million Stück Arbeitskleidung aus, welche die Firma jährlich verkauft. «Bei den Hosen sind wir offenbar ein bisschen besser als die anderen», lächelt Roland Loosli zufrieden. «Es heisst aber auch, dass wir in den Oberteilen und Jacken noch Entwicklungspotenzial haben.»


Dank engagierter Mitarbeiterinnen und einem kompletten Maschinenpark ist ALBIRO nicht auf externe Zulieferer in Design und Entwicklung angewiesen.
Die fertigen Hosen, die aus der Produktion kommen, werden in Sumiswald einzeln kontrolliert, bevor sie ins Lager gelegt werden.

Ob es nun eine seitlich am Bein angebrachte Metertasche, ein raffiniert verarbeiteter Dehnbund oder Beintaschen sind, in denen Kniepolster eingesteckt werden – es sind die funktionalen Innovationen, welche die Kunden von ALBIRO schätzen. Diese schlauen Lösungen machen viel vom Standortnachteil wett, den die im beschaulichen Emmental ansässige Firma gegenüber den Mitbewerbern auf dem Weltmarkt hat. «Wir hatten kürzlich eine Ausschreibung in Österreich und waren gut fünfmal so teuer als der günstigste Mitbewerber», sagt Roland Loosli, «und trotzdem haben wir das Rennen gemacht. Weil unsere Hosen am besten sassen.»

Von einem «Standortnachteil» will Roland Loosli darum lieber nicht sprechen. Für ihn, der im Emmental geboren und aufgewachsen ist, passt es so. Er segelt in seiner Freizeit gerne auf dem Thunersee oder fährt mit dem Velo die Bergpässe hoch. «Wir sind hier mitten in der Schweiz, aber doch abgelegen», räsoniert Loosli. «Das kann ein Nachteil sein, ist aber für uns auch ein Vorteil. Denn wir haben sehr gute, treue Mitarbeitende und ein sehr gutes Verhältnis untereinander.» Das Emmental werde zu oft auf Kühe und Käse reduziert, aber da sei mehr. «Auch wenn die Dächer der Häuser weit runter reichen, sind wir weltoffen und ehrlich», sagt Roland Loosli.


Zwei Mitarbeiterinnen diskutieren Verbesserungen am Schnittmuster, bevor der Stoff auf langen Tischen ausgelegt und zugeschnitten wird.
Ordnung ist das halbe Leben, als Unternehmer sowieso! In der Spedition werden produzierte Chargen angenommen und Bestellungen ausgeliefert.

Das Wochenende gilt für alle

Die menschliche, entspannte Art des Chefs ist im ganzen Unternehmen spürbar. Ob es nun im Atelier, wo Prototypen entwickelt werden, in der Spedition oder im Verkauf und der Verwaltung ist – überall begegnen einem ausgeglichen wirkende Menschen, die motiviert ihrer Arbeit nachgehen. «Wir haben eine wirklich tolle Mannschaft», sagt Roland Loosli, und das habe auch damit zu tun, dass nicht nur geschuftet wird. «Ich denke, dass Freizeit ein wichtiger Ausgleich für uns ist, mich inklusive», sagt Loosli. Darum schätzt er es nicht, wenn er am Samstag oder Sonntag Mitarbeitende in der «Bude» trifft oder diese am Wochenende E-Mails herumschicken. «Mir ist lieber, wenn die Leute während der Woche eine gute Leistung bringen und am Wochenende abschalten – davon profitiere ich selbst auch.»

«Frauen arbeiten anders als Männer, sie schauen die Dinge genauer an und diskutieren besser untereinander.»

ALBIRO verfügt über ein überraschend junges und weibliches Team. Das sei durchaus gewollt, sagt Roland Loosli. «Ich bin glücklich darüber, dass wir viele Frauen im Betrieb haben. Sie arbeiten anders als wir Männer, sie schauen die Dinge genauer an und wir diskutieren besser untereinander.» In der Geschäftsleitung sitzen neben Loosli drei Frauen, im Verwaltungsrat ausserdem seine Frau Katrin. Vor 17 Jahren, als er zur Firma stiess, sei das anders gewesen. Zwar sei die Firma, die damals Berufsbekleidungsfabrik Marti hiess, wirtschaftlich gesund gewesen. Doch es bestand struktureller Erneuerungsbedarf. Loosli erwarb die Firma, die seine Ehefrau von ihrem Vater übernommen hatte, im Jahr 2000. Sie waren damals zwölf Mitarbeitende.


Die Jüngsten lernen von den arrivierten Fachfrauen: Im Atelier von ALBIRO werden auch laufend Lehrlinge ausgebildet.
Zum Designprozess gehört auch die Erstellung eines ausgeklügelten Schnittlagenbildes, das hilft, den verwendeten Stoff optimal zu nutzen.

Heute sind weltweit über 500 Menschen für die ALBIRO tätig, davon 60 am Hauptsitz in Sumiswald. «Wir haben uns mit grossen Schritten entwickelt», blickt Roland Loosli zurück. «Einerseits haben wir Mitbewerber übernommen, andererseits auch über Jahre organisches Wachstum erzielt.» Loosli hat die Firma in dieser Zeit bewusst «entpersonifiziert», wie er es nennt, und auch die Marken, unter denen die Produkte verkauft werden, neu geordnet. Früher habe man nur unter der Marke «Marsum» gearbeitet (Marti Sumiswald), doch heute heissen die Labels auch Albiro, Wikland, Frencys und Solida. Man findet sie im Fachhandel, aber auch bei den Grossverteilern. Für hart arbeitende Menschen klingen diese Namen wie für andere die von Luxuslabels.

«Fair Wear»-Produzent

Wo werden die Sachen produziert, unter welchen Bedingungen? Mit diesen Fragen wird ALBIRO bei grossen Ausschreibungen immer wieder konfrontiert. Roland Loosli und sein Team können die beste Antwort liefern. «Wir wollen uns diesbezüglich nicht auf Glatteis bewegen, sondern Transparenz haben – im Interesse unserer Kunden, aber auch in unserem eigenen.» Gefertigt wird in eigenen Produktionsstätten in Ungarn, Bosnien und Herzegowina, Mazedonien und Marokko. Deswegen hat sich ALBIRO für das «Fair Wear»-Label qualifiziert – es ist eine der höchsten Auszeichnungen für Textilproduzenten, die gemäss internationalen Standards fair wirtschaften.

«Dank eigener Werke können wir den hohen Anforderungen von Fair Wear entsprechen und haben so die Produktion unter Kontrolle», sagt Roland Loosli. Auf Kundenseite werde das «Fair-Wear»-Label sehr positiv wahrgenommen, bestätigt der Chef – allerdings sei die Bereitschaft, die höheren Produktionskosten mitzutragen, noch sehr klein. «Fair Wear hat unsere Produkte verteuert», sagt Loosli. «Doch es ist ein Entscheid, der uns trotzdem zugute kommt. Wir zahlen überall Löhne, die den Lebensunterhalt unserer Mitarbeitenden decken und haben dadurch eine höhere Betriebssicherheit, Effizienz und Identifikation.»


Bergrettungsdienste, Pistenarbeiter und Skilehrer zählen genauso auf die funktionelle Kleidung von ALBIRO wie Bauarbeiter, Polizisten und Spediteure.

Das Geheimnis um den Namen

ALBIRO verfügt neben den eigenen Produktionsstätten auch über eine Tochtergesellschaft in Österreich und eine Vertriebsorganisation in Deutschland. Wichtigstes Standbein ist aber der einheimische Markt, der 60 Prozent zum Ergebnis beiträgt. «Unsere Produkte werden im deutschsprachigen Alpenraum geschätzt, bis nach Bayern und Südtirol», sagt der ALBIRO-Chef mit einem Blick auf die Landkarte. Im Hafen von Hamburg oder Genua kennt man ALBIRO aber (noch) nicht, obwohl die Produkte auch da gute Dienste leisten könnten. «Ich sehe unser organisches Wachstumspotenzial in neuen Märkten bei ungefähr fünf Prozent pro Jahr», schätzt Loosli.

«Auch die Kriminalpolizei konnte mir das Geheimnis des Firmennamens trotz geschickter Fragetechnik nicht entlocken.»

Vor 17 Jahren ist Roland Loosli, damals 30 Jahre jung, zur ALBIRO gestossen. In rund zehn Jahren will er die Firma so aufgestellt wissen, um sie seinen Kindern weiterzugeben. Nicht mehr und nicht weniger sei sein täglicher Ansporn. Die siebente Generation ist bereits an Bord – Tochter Corinne kümmert sich um den Einkauf, Sohn Lukas hat sich nach einer Lehre als Metallbauschlosser zum Vertriebsprofi weitergebildet und sich nun in den Verkauf eingearbeitet.

Was der Fantasiename ALBIRO bedeutet, den sich die Firma zugelegt hat, will man zum 200. Geburtstag der Firma in zehn Jahren verraten. Bis dahin soll dies «das bestgehütete Geheimnis des Unternehmens» bleiben, so Roland Loosli. Ein kleiner Hinweis vielleicht? «Tut mir leid, da muss ich eisern bleiben», lächelt er. «Wir hatten kürzlich einen Firmenbesuch der Kriminalpolizei, die wir auch einkleiden, und sogar die haben mir dieses Geheimnis trotz geschickter Fragetechnik nicht entlocken können.»×



PORTRÄT

Die ALBIRO AG in Sumiswald, hervorgegangen aus der Berufsbekleidungsfabrik Marti, ist eine der führenden Schweizer Spezialistinnen für funktionale Berufsbekleidung. Die Firma wird in sechster Generation von Roland Loosli geführt. Spezialität des Unternehmens sind durchdachte Arbeitshosen, die rund die Hälfte zum Umsatz beitragen. Jährlich verkauft die ALBIRO AG etwa eine Million Kleidungsstücke an Fachhändler, Grossisten sowie Unternehmen und Organisationen. Eine halbe Million Teile sind permanent ab Lager abrufbar. Die hauseigenen Marken heissen Marsum, Albiro, Wikland, Frencys und Solida. Verkauft werden die Produkte im ganzen deutschsprachigen Alpenraum.


ALBIRO AG
Dorfgasse 14
3454 Sumiswald

info@albiro.com
www.albiro.com

T +41 34 432 33 33



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