Annette Douglas Textiles

Ohne Lärm zum Welterfolg

— Von Jeroen van Rooijen
Die Schweizer Textilentwicklerin und -designerin Annette Douglas gehört zu den wichtigsten Impulsgeberinnen im Bereich der funktionalen Textilien. Ihre Spezialität sind schallabsorbierende Stoffe, die sie selbst produziert und vertreibt. Ein Atelierbesuch.

Annette Douglas mag über den tief greifenden Strukturwandel, den die Schweizer Textilindustrie in den letzten Jahren durchlaufen hat, nicht jammern und lamentieren. Sie hat auch keinen Grund dazu, im Gegenteil: Die 46-jährige Textildesignerin hat im Schnittbereich zwischen Technologie, Forschung, Design und Interieur eine Marktnische gefunden, in der sie in relativ kurzer Zeit zu einer international geachteten Instanz wurde.

Annette Douglas’ Stoffe der «Slient Space Collection» sind effiziente Schallschlucker, die trotz ihrer Funktionalität leicht und transparent wirken.


«Ich war lange für andere Unternehmen tätig und entwickelte Textilien», erinnert sich Annette Douglas an die Anfänge ihrer Karriere als selbstständige Designerin. «2008 merkte man dann schon, dass sich die Branche veränderte, viele Kunden haben Leistungen abgebaut oder die Produktion ausgelagert und ich dachte mir, dass ich mit meinen Ideen selbst auf den Markt gehen möchte.» Das war nicht ohne Risiko, weil es damals noch unüblich war, dass sich Textildesigner unter ihrem eigenen Namen «verkaufen». Vielmehr arbeiteten sie – abgesehen von einigen grossen «Stars» – meist anonym für grosse Firmen.

«Es war zwar irgendwie bekannt, dass Stoffe helfen können ,die Akustik eines Raumes zu optimieren, aber es gab nichts handfestes darüber.»

Einen wichtigen Anstoss dazu, gezielt ihre eigene Marke aufzubauen, ist in einem Coaching mit einem Innovations- und Start-up-Coach entstanden, von dem sie über fünf Jahre im Prozess begleitet wurde. «Für mich war das Coaching im Forschungsprojekt und in der Start-up-Phase sehr wertvoll und seit ein paar Monaten bin ich in einem neuen Coaching mit Fokus auf neue Themen für meine Weiterentwicklung.» Ein weiteres Schlüsselerlebnis gab ihr die niederländische Gestalterin Hella Jongerius, bei der sie 2008 eine «Masterclass» in Tilburg absolvierte. «Ich fand die Zusammenarbeit mit ihr sehr spannend, sie hat etwas in mir ausgelöst», blickt Annette Douglas zurück. «Hella Jongerius hat mir gezeigt, dass Stoffe auf irgendeine Art Reibung erzeugen müssen. Und obwohl ich dort ein technisches Projekt verfolgte, das Hella anfangs nicht recht verstand, hat sie mich sehr unterstützt.»

Auch als Wandpaneele tun die schallreduzierenden Textilien von Annette Douglas ihren Dienst, etwa in Konzertsälen und Musikhochschulen.
Die Silent-Space-Stoffe sind bedruckbar und können auch dekorativ bestickt werden, ohne dass ihre Funktion signifikant beeinträchtigt wird.

Stoffe schlucken Schall

Und diese Reibung ist es nun auch, womit Annette Douglas zu einem international gefragten Namen avanciert ist. Ihre «mikroperforierten Geräusch-Absorber», wie die Akustik-Vorhänge auch heissen, profitieren vom physikalischen Effekt der Reibung, der entsteht, wenn Schall auf ein «Loch» trifft, in Wärme umwandelt und somit «verschluckt» wird. «Es funktioniert ähnlich wie Akustikdecken mit Lochmustern», erklärt Annette Douglas. Nur eben auf sehr viel kleinerer Skala. Die Perforationen ihrer zumeist aus Kunstfasern gewobenen Stoffe sind von blossem Auge nicht sichtbar.

Die transparenten Stoffe von Annette Douglas’ «Silent Space Collection» absorbieren bis zu 80 Prozent der Schallenergie, die aufs Textil trifft. Messungen von unabhängigen Prüfinstituten belegen die Wirkung der «Lärmschlucker» deutlich. Dabei wiegen die Stoffe aber nur zwischen 80 und 130 Gramm pro Quadratmeter – herkömmliche Schalldämpfer-Vorhänge aus dickem Material sind dagegen ab 600 Gramm schwer. Das eröffnet Planern und Architekten ganz neue Möglichkeiten, die ästhetischen wie funktionalen Qualitäten von Textilien zu nutzen. Alle Vorhangstoffe der «Silent Space»-Linie sind zudem schwer entflammbar und mit Öko Tex Standard 100 zertifiziert.

«Als Entwicklungsplattform und angesichts des Netzwerks ist die Schweiz für mich noch immer ein grosser Standortvorteil.»

Mit ihren schallschluckenden, aber lichtdurchlässigen Textilien hat Annette Douglas in ein Wespennest gestochen. Oder einen Joker gezogen, wenn man so will. Denn im zeitgenössischen Bauen wird immer mehr Beton und Glas verwendet – was toll aussieht, aber die Akustik der Räume nicht immer begünstigt. Überraschend ist jedoch, dass es hierzu bis vor acht Jahren noch kaum brauchbare Forschung gab. «Es war zwar irgendwie bekannt, dass Stoffe helfen können, die Akustik eines Raumes zu optimieren, aber es gab nichts Handfestes darüber», so Annette Douglas.

Eine von blossem Auge nicht sichtbare Mikroperforation der Oberfläche von Annette Douglas’ Stoffen bewirkt, dass sie Geräusche «fressen».
Annette Douglas hat mit ihren Entwicklungen schon so manchen Designpreis gewonnen – die Trophäen stehen bescheiden im Bücherregal.


Also begann sie zu forschen. Zusammen mit der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) ging sie den Ursachen und Wirkungen von textiler Klangoptimierung auf den Grund. Sie sagt: «Ich fand, dass man das mal analytisch angehen und dokumentieren sollte.» Das Projekt wurde schliesslich auch vom Bund als KTI-Projekt unterstützt und ist heute die wichtigste Basis von Annette Douglas’ Arbeit. Sie hat die Produktion und den Vertrieb der Kollektion selbst in die Hand genommen – ein unternehmerisches Risiko, das sich auszahlt. «Wir vertreiben in der Schweiz die Stoffe selbst, ich will direkt wissen, welche Erfahrungen unsere Kunden mit den Stoffen machen – und das lohnt sich, denn ich bekomme dadurch wertvolle Inputs», begründet sie den Entscheid, es auf eigene Faust zu wagen.

Produktion im europäischen Umland

Anfangs produzierte die Zürcher Firma Weisbrod-Zürrer die Stoffe, aber seit die Weberei in Hausen am Albis geschlossen wurde, werden die Akustik-Textilien in Deutschland hergestellt. Zwar gäbe es gewiss noch Produktionsbetriebe in der Schweiz, die diese Stoffe auch herstellen könnten. Doch es geht auch um Handelshemmnisse wie den Zoll, denn Annette Douglas exportiert ihre Stoffe in 70 Länder über verschiedene Vertriebspartner auf dem ganzen Globus. Angesichts der Bedeutung des internationalen Marktes lag es nahe, Produktionspartner im europäischen Umland zu suchen.

«Ich arbeite international», räsoniert Annette Douglas über die Entwicklung ihres Berufs. Dennoch sei die Schweiz für sie wichtig. Ihr Atelier in der ehemaligen Baumwollspinnerei in Wettingen, unmittelbar an der Limmat gelegen, bezeichnet sie als Ruhe- und Kreativort, ausserdem schätzt sie die geografische Nähe zu ihren wichtigsten Forschungspartnern. «Als Entwicklungsplattform und angesichts des Netzwerks ist die Schweiz für mich noch immer ein grosser Standortvorteil», sagt die Designerin.

Nicht alles ist immer Funktion: Annette Douglas entwirft auch dekorative Interieur-Stoffe für namhafte Hersteller im In- und Ausland.


Mit manchen Firmen arbeitet Annette Douglas seit vielen Jahren zusammen, etwa mit dem Inneneinrichter Pfister, für dessen Linie «Atelier Pfister» Douglas regelmässig neue Stoffe entwirft. Dieser Tage werden wieder neue Entwürfe präsentiert. «Ich bin nicht so dekorativ und verspielt veranlagt», erklärt sie ihr Design. Zwar entwerfe sie gelegentlich durchaus auch gerne Dekostoffe, aber: «Meine Welt ist die der Funktion und der stillen Ausstrahlung, die Stoffe haben können.»

Neue Ideen im Köcher

Annette Douglas reist viel, auch zu ihren Produktionspartnern. «Manchmal kommt man auf neue Ideen, wenn man irgendwo an einer Maschine steht oder auf einer Messe herumspaziert», weiss sie: «Ich bitte meine Partner deshalb auch immer, mir alle Versuche zu zeigen, und nicht nur das, was sie als bestes Ergebnis anschauen.» Manchmal stosse man auch durch Zufälle auf neue Themen. «Ich habe sehr viele Ideen bezüglich Textilien, die einen Mehrwert bieten», sagt sie, allerdings ohne sich zu sehr in die Karten blicken zu lassen. Man könne sich etwa denken, dass ein Textil nicht nur passiv, sondern aktives «noise cancelling» macht, so wie man das von Kopfhörern kennt. Die dafür nötigen elektrischen Verbindungen sind keine Hexerei. Auch seien die Stoffe heute schon «intelligent» bedruckbar.

«Die Textilbranche war schon immer eine bewegte. Vielleicht ist genau diese permanente Veränderung auch der grosse Reiz daran?»

Man versteht: Annette Douglas ist durch und durch «Textilerin». Schon ihr Grossvater und ihr Vater waren in der Branche tätig. Grossvater Robert Douglas war CEO von Dobson & Barlow Textile Machinery in Bolton und Vater Keith Douglas arbeitete als Textilingenieur bei Zellweger Uster und hat bedeutende Textilfachliteratur übersetzt. Und obwohl ihr Vater ihr riet, sich eine andere Berufung zu suchen, liess sie sich an der Textilfachschule in Wattwil und an der Schule für Gestaltung in Basel im Fachbereich Textildesign ausbilden. Sie weiss aus Erfahrung: «Die Textilbranche war immer schon eine bewegte. Ich kann das deutlich sehen, wenn ich Schriften meines Grossvaters aus Manchester lese oder mich an meinen Vater erinnere. Aber genau diese permanente Veränderung ist doch auch der grosse Reiz an der Branche!» ×


PORTRÄT

Annette Douglas steht für Engineering im Textilen. Die britisch-schweizerische Doppelbürgerin bezeichnet sich primär als Entwicklerin und dann erst als Designerin. Ihre besondere Spezialität sind die schallabsorbierenden Stoffe der «Silent Space Collection», die sie in Eigenregie produziert und vertreibt. Diese Akustik-Textilien absorbieren bis zu 80 Prozent der Schallenergie. Annette Douglas ist ausgebildete Textilfachfrau, hat an der Schweizerischen Textilfachschule STF in Wattwil sowie an der Schule für Gestaltung in Basel studiert und unterrichtet heute selbst zeitweise an Fachhochschulen in Luzern oder Basel. Die Unternehmerin beschäftigt zwei Angestellte in der Schweiz und arbeitet eng mit internationalen Planern und Architekten wie EM2N oder Künstlern wie Beat Zoderer zusammen. Annette Douglas hat eine Reihe bedeutender internationaler Design- und Innovationspreise gewonnen, darunter den «Design Preis Schweiz 2011», den «Red Dot: Best of the Best 2012» oder den «EESC European Award 2013», verliehen von der Europäischen Union.


Annette Douglas Textiles AG
Klosterstrasse 42
CH-5430 Wettingen

studio@douglas-textiles.ch
www.douglas-textiles.ch

T +41 56 427 33 70



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