Cortex Hümbelin AG

Die Superflechter

— Von Jeroen van Rooijen
Die Cortex Hümbelin AG stellt die weltbesten Spezialseile, Gurte und Kordeln für Hightechzwecke her – etwa für die Formel 1, wo die Produkte aus Rupperswil erfolgreich helfen, Menschenleben zu retten.

Was dem Wanderer sein Goretex, das ist dem Rennfahrer sein Cortex – so etwa könnte man das Wirken der Rupperswiler Cortex Hümbelin AG typisieren. Der Wanderer zählt auf den Schutz der bekannten Klimamembran, die akustisch sehr ähnlich wie Cortex klingt. Die Rupperswiler Firma, seit drei Generationen im Geschäft mit geflochtenen Seilen tätig, gilt als weltbeste Spezialistin für Rückhalteseile, wie sie im Motorsport seit einigen Jahren vorgeschrieben sind. Rückhalteseile sichern das Rad von Formel-1-Boliden und anderen Rennwagen, wenn diese in einen Unfall verwickelt sind und die Radaufhängung bricht. Ohne die Cortex-Seile würden den Rennteilnehmern, Streckenposten und Zuschauern die Räder um die Ohren fliegen – und mitunter tödlich wirken. Dank der Rückhalteseile, die im Obergeschoss der unauffälligen Werkstatt in einem ruhigen Rupperswiler Quartier von Hand und auf Mass gefertigt werden, bleibt das Rad aber auch bei schweren Unfällen sicher am Wrack.

Wir freuen uns über das Interesse an unseren Produkten, doch vom Typ her sind wir eher die, die gerne ein bisschen im Versteckten arbeiten.

So ein Rückhalteseil ist nicht einfach ein Strick, wie ihn der Grossvater von Hanspeter und Thomas Hümbelin einst flocht (und wie sie teilweise noch gemacht werden), sondern ein komplexes Gebilde aus gezwirnten und gegengezwirnten Garnen, die teilweise mit Silikon in Form gebracht und von Schrumpfschläuchen gehalten werden. Die Rückhalteseile liegen im sogenannten «Wishbone» eines Rennwagens, an dem die Räder und die Lenkung befestigt sind. Im Falle eines Unfalls dürfen die Seile sich um ein von der Rennbehörde FIA definiertes Mass dehnen, aber nie reissen. Es kommt nicht auf die absolute Stärke des Seils an, sondern auf eine optimale Absorption der beim Unfall auftretenden Energie – und dazu braucht es hochfeste Fasern, die trotzdem eine gewisse Flexibilität haben. Während die Seile von Mitbewerbern, die mit Polyester arbeiten, schon mal reissen, bleiben jene aus Rupperswil auch bei sieben Tonnen Belastung stabil. Zu verdanken ist dies den speziell behandelten Zylonfasern.

Die Rückhalteseile für Räder von Formel-1-Boliden werden bei Cortex Hümbelin
für jedes Team wieder anders geflochten und in Form gebracht.
Rückhalteseile sind für Formel-1-Fahrer wie Zuschauer Überlebenswichtig,
um im Unglücksfall nicht von Wrackteilen getroffen zu werden.

Benzin aus dem Textiltank

Auf die Formel 1 – und andere Rennsportkategorien – kam die Rupperswiler Firma im Jahr 2001 dank des langjährigen Mitarbeiters Walter Nüesch, der lange für den Kunststoffspezialisten DuPont tätig war und als «Kevlar-Papst» gilt. Die Idee, anfangs mit dem Schweizer Sauber-Team zur Serienreife gebracht, hat dem Unternehmen ein interessantes neues Geschäftsfeld eröffnet. Ausserdem entwickelt die Cortex Hümbelin AG nicht nur die Rückhalteseile für die Formel-1-Teams, sondern auch Benzintanks, die sich derzeit bei zwei Teams in der Prototypenphase befinden. Auch diese werden aus textilen Werkstoffen gebaut und sind so geformt, dass sie jeden Zentimeter Platz im engen Rumpf des Boliden ausnutzen. Die textilen Tanks haben ein Fassungsvermögen von 140 Litern und sind nicht nur deutlich flexibler als herkömmliche Treibstoffspeicher, sondern auch wesentlich leichter. Sie sehen aus wie ein Modellgebirge aus beschichtetem Hightechgewebe. Innen haben sie bis zu 20 Kammern, um den Treibstoff besser zu verteilen und zu verhindern, dass das Benzin in Kurven hin und her schwappt. Gebaut werden die Tanks in einem Labor im benachbarten Niederlenz, das zur Cortex Hümbelin AG gehört. Hier entstehen ausserdem extrem starke Zugbänder, die als Sicherheitsgurten im Cockpit der Rennautos zum Einsatz kommen, oder sehr leichte Tragegurte, mit denen die NASA Transporte zur internationalen Raumstation ISS zusammenzurrt.

Der textile Tank für einen Formel-1-Boliden sieht aus wie ein Gebirge,
ist aber ein relativ leichtes und flexibles Gebilde aus beschichtetem Textil.


Thomas Hümbelin, der jüngere der beiden Brüder, welche die Firma in dritter Generation führen, spricht offen, aber mit einer gutschweizerischen Bescheidenheit über diese textilen Innovationen. «Wir freuen uns über das Interesse an unseren Produkten, doch vom Typ her sind wir eher die, die gerne ein bisschen im Versteckten arbeiten», erklärt er sich im schmucklosen Konferenzraum der Firma in Rupperswil. Man brüstet sich nicht mit dem Thema und sucht keine Publicity. Das hat der Cortex Hümbelin auch schon den Übernamen der «Rupperswiler Geisterfirma» («Blick») eingetragen – dies allerdings durchaus im positiven Sinne. Die Hümbelins nehmen es gelassen. «Es bringt uns nichts, wenn wir in den Medien erwähnt werden, denn unsere Zielgruppe können wir damit nicht erreichen», zuckt Thomas Hümbelin mit den Schultern, «und wir haben auch keinen Laden, in dem man unsere Produkte kaufen könnte.»

Flechten von Harnischkordeln benötigt
kein spezielles Know-how, die Kunst besteht allerdings im Thermofixieren und der Beschichtung des Geflechts.

Begonnen hat die Erfolgsgeschichte in den 1920er-Jahren mit dem Grossvater von Thomas und Hanspeter Hümbelin, der mit seidenen Kordeln und Netzen für die Fischerei Erfolg hatte – seine Produkte wurden bis nach China exportiert. «Wir haben noch alte Akten, die zeigen, dass die Schnüre damals zum gleichen Preis wie heute geliefert wurden», lacht Hanspeter Hümbelin. Damals verwendete man vorab Naturfasern, etwa Hanf und Leinen. Ende der 1940er-Jahre kamen Kunstfasern auf, technische Fasern werden seit den 1970er- oder 1980er-Jahren verflochten. Noch immer ist Ernst Hümbelin, der Vater von Thomas und Hanspeter, im Betrieb tätig – auch mit 95 Jahren schaut er noch täglich im Betrieb vorbei. 25 bis 30 Menschen stehen heute im Dienst der Cortex Hümbelin AG und der Hetex Jacquard AG. Sie stellen zwar Seile, Litzen und Kordeln her und gehören im Verband Swiss Textiles zur Gruppe «Seil- und Hebetechnik», aber sie sind keine Seiler – denn sie flechten ihre Kordeln und Seile und sind darum Flechter. Bis vor etwa 15 Jahren wurden die Erzeugnisse auch noch in der Bekleidungsproduktion eingesetzt, doch da ist ein Schweizer Produkt heute nicht mehr wettbewerbsfähig, und so geht es mehr und mehr um Hightechseile, etwa für Helikopter, die Ummantelung von Bauleitungen oder hochwertigen Audio-Kabeln.

Die Chorfäden von Cortex Hümbelin werden für das Heben und Senken der Kettfäden in Jacquardmaschinen gebraucht und müssen extremen, dauerhaften Belastungen standhalten.

Chorfäden für die Jacquardweberei

Ein weiteres Spezialgebiet der Cortex Hümbelin sind die sogenannten «Chorfäden» oder «Harnischkordeln» für Jacquard-Webmaschinen – auch in dieser Nische ist die Partnerfirma Hetex eine führende Spezialistin, die ihre Produkte in alle Welt exportiert. 1991 übernahm die Cortex Hümbelin diesen Teilbereich der Hetex Garn AG und konzentrierte sich ganz auf die Harnischkordeln. «Flechten benötigt kein spezielles Know-how», sagt Thomas Hümbelin, «die Kunst besteht allerdings im Thermofixieren und der Beschichtung des Geflechts.» Die Chorfäden werden gebraucht, um in Webmaschinen die Kettfäden zu heben und zu senken. Sie bewegen sich pro Minute bis zu 800 Mal im sogenannten «Chorbrett» und haben diesen hohen Beanspruchungen drei bis fünf Jahre standzuhalten. Sie dürfen – wie auch die Rückhalteseile der Rennautos – nicht reissen. In der Regel sind die Chorfäden gelb, doch inzwischen werden etwa 30 Farbtöne produziert. Auf einer grossen Maschine durchlaufen die Chorfäden verschiedene Ausrüstungsphasen, Bäder und Öfen, bis sie aufgespult und verpackt werden. In enger Abstimmung mit dem Kunden wird laufend am Produkt gefeilt.

Ein Dutzend Spulen tanzt ein rasend schnelles Ballett, damit aus Garnen
schliesslich die gefragten Kordeln von Cortex Hümbelin werden.


Das Flechten von Kordeln und Seilen ist ein komplexer Vorgang, der auf teils archaisch aussehenden (und oft tatsächlich auch recht alten) Maschinen geschieht und viel Zeit in Anspruch nimmt. Die laut schnarrenden Maschinen mit den blitzschnell aneinander vorbeitanzenden Spulen laufen teilweise wochenlang ohne Unterbruch, bevor ein Auftrag verpackt und ausgeliefert werden kann. Gut 90 Prozent der Artikel gehen in den Export. Für die Cortex Hümbelin war der «Franken-Schock» im Januar 2015 also besonders spürbar. Über Nacht verteuerten sich deren Produkte um 15 bis 20 Prozent – nicht in jedem Fall konnten die Gebrüder Hümbelin auf das Verständnis der Handelspartner zählen. «Uns waren die Konsequenzen schlagartig bewusst. Und wir sind immer noch stark damit beschäftigt, uns mit den neuen Wechselkursen zu arrangieren», gibt Hanspeter Hümbelin zu verstehen.
Ein weiteres Thema, das die beiden 58- und 65-jährigen Gebrüder Hümbelin beschäftigt, ist eine mögliche Nachfolgeregelung – beide haben zwar Kinder, doch haben diese andere Interessen. Es zeichnet sich nicht ab, dass die vierte Generation dereinst das Ruder übernehmen würde. Die Hümbelins ziehen also, wie es sich für dieses Gewerbe geziemt, bereits die Fäden für eine externe Nachfolge der textilen Erfolgsgeschichte. ×


PORTRÄT

Die Cortex Hümbelin AG mit Sitz in Rupperswil und Niederlenz entwickelt und produziert ein breites Spektrum an Kordeln, Seilen, Litzen und Nesteln sowie Spezialanfertigungen aus High-Tech-Geweben. Im Bereich der Rückhalteseile für Formel-1-Boliden und andere Rennwagen gehört die Firma zur Weltspitze. Die Spezialanfertigungen halfen mit, mitunter tödliche Unfälle zu vermeiden. Ausserdem stellt die zur Cortex-Hümbelin AG gehörende Hetex extrem robuste Harnischkordeln für die Jacquardweberei her. Das Unternehmen wird in dritter Generation von der Familie Thomas und Hans-Peter Hümbelin geführt.


Cortex Hümbelin AG
Im Bifang 7
CH-5102 Rupperswil

cortex@cortexhuembelin.com
www.cortexhuembelin.com

T +41 62 889 40 10



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