enSoie

Mit Leidenschaft fürs Handwerk

— Jeroen van Rooijen
In den sieben Jahren, seit Anna Meier die kreative Leitung von enSoie übernommen hat, wurde das traditionsreiche Zürcher Maison behutsam aufgefrischt und eine neue Generation von Mitarbeitenden und Kunden etabliert. Ein Besuch im Stammhaus an der Strehlgasse in Zürich.

Für die meisten Zürcher gehört enSoie so sehr zu ihrer Stadt wie das Fraumünster oder Sprüngli: Das einstige Seidenhaus und Lifestyle-Label residiert an allerbester Lage in der Zürcher Innenstadt, dort wo der Rennweg zur Strehlgasse wird, am Fuss der langen Treppe, die zum Lindenhof führt. Die ältesten Grundmauern des denkmalgeschützten Hauses «Zum kleinen Kindli» stammen aus dem 14. Jahrhundert, das Prunkzimmer mit dreidimensionaler Stuckdecke aus dem Ende des 17. Jahrhunderts gehört zu den schönsten im ganzen Land. 

So wie das prächtige Eckhaus da seit Jahrhunderten steht, hat man automatisch das Gefühl: auch enSoie war immer schon da. tatsächlich gibt es die Marke erst seit 1974 – damals übernahm Monique Meier das Seidenhaus Brauchbar & Sohn und verwandelte es in das Maison enSoie. Es wurde mit seinem eklektischen, farbenfrohen Stil zur Institution. Die Seidentücher, Keramiken, der Schmuck und die Kleider von enSoie gehörten bald schon zum «bon ton» des Zürcher Kreativ-Establishments und sind bis heute ein Verkaufsschlager.


Mitten im historischen Stadtkern von Zürich residiert enSoie in einem Haus, dessen Mauern bis aufs 14. Jahrhundert zurückreichen.

Generationenwechsel ab 2010

Inzwischen hat eine jüngere Generation die Zügel des Familienunternehmens in die Hände genommen: Eleonore, Sophie und Anna Meier, Töchter der Firmengründerin Monique und des Musikers Dieter Meier, führen seit sieben Jahren die Geschäfte. Eleonore führt die Keramikwerkstatt des Hauses, Sophie kümmert sich um Geschäft und Produktion, Anna um Kreation und Kommunikation. Die neuen Chefinnen sind keine Autokraten, sondern ausgesprochene Teamplayer – Anna, die Jüngere, ist ausserdem mit ihrem feinen, ätherischen Wesen sogleich selbst die beste Botschafterin des Hauses. Für sie eine natürliche Sache: «Wir sind ja eine Familienmarke, da sollte man die Menschen, die dafür stehen, auch sehen können.»

2010 kam Anna Meier zu enSoie, sie hatte gerade ihre gestalterische Matura am Musischen Gymnasium Unterstrass in Zürich absolviert und wollte nur für zwei Monate im Atelier des Familienbetriebs aushelfen. Aus zwei Monaten wurden hundert. «Ich hatte ursprünglich nicht gedacht, dass ich hier bleibe, aber es hat sich einfach richtig angefühlt. Es gab auch keinen Zwang, meine Familie hat diesbezüglich keine Wünsche geäussert.» enSoie brauchte einen neuen Impuls – und die Töchter waren zur Stelle. Heute führen sie ein Team von rund 30 Mitarbeitenden. Sie haben das Team verjüngt, doch Anna Meier, selbst inzwischen 27 Jahre jung, schätzt sich glücklich, auch auf ältere, verdienstvolle Mitarbeitende mit langjährigem Leistungsausweis zählen zu können.


Bei enSoie leben nicht nur Generationen von Menschen unter einem Dach, sondern auch Tiere. Rechts der Eingang zum prächtigen Stadthaus in Zürich.
Mäntel und Röcke gehören zu den Evergreens von enSoie – sowie natürlich die Wohn-Accessoires, etwa bunte Kissen mit Stickereien.

Den Codes des Hauses verpflichtet

Denn enSoie zu führen bedeutet auch, ein gewisses «Erbe» zu verwalten. «Wir haben einen unverkennbaren Look, der in den letzten 40 Jahren entstanden ist», sagt die Kreativchefin. Als «Säulen» dieses Stils bezeichnet Anna Meier die Dupionseide, das Vichy-Karo, die Mäntel und Jupes. «Lack und Leder müssten wir hier aber nicht machen», lacht sie. Das vorhandene Repertoire von enSoie gebe ihr eine gewisse Ruhe, sagt Meier. Vieles habe auch mit den Produzenten in Indien, Ungarn und Polen zu tun, mit denen enSoie teilweise seit Jahrzehnten zusammenarbeitet. «Wir versuchen gemeinsam mit ihnen, unsere Zukunft zu entwickeln – und auch ihre», sagt Anna Meier. «Sie sind ja nicht nur Produzenten und Lieferanten, sondern auch Ideengeber und Know-how-Träger.»

enSoie zu erneuern, ohne die Seele des Hauses aufs Spiel zu setzen – dieses Kunststück ist den Meier-Schwestern und ihrem Team bisher ganz gut gelungen. Dabei geht es darum, den richtigen Mix zwischen Tradition und Innovation zu finden. «Nicht nur wir, sondern auch unsere Kunden haben gewisse Vorstellungen von der Marke», sagt Anna Meier. Das Gute sei, dass jede Idee praktisch sofort validiert werden kann. «Wir haben unsere wichtigsten Ateliers im Hause und können sogleich ausprobieren, ob unsere Ideen bei den Kunden ankommen.» Bewegt sich ein Produkt während mehr als 72 Stunden nicht, wird die Idee nicht weiterverfolgt.


So sieht moderner Luxus von enSoie aus: Grosszügige Keramikwerkstatt an allerbeste Lage mitten in Zürich.
Dank den im Maison en Soie integrierten Werkstätten für Mode oder Keramik können neue Ideen zeitnah umgesetzt und sogleich live getestet werden.

Möglichst viel selbst können

Alles «inhouse» zu haben und vieles in Eigenregie herstellen zu können – dank dieser Umstände ist enSoie bis heute in der Lage, zu vernünftigen Preisen tolles Handwerk anbieten zu können. Müsste die Marke aber noch Zwischenhändler glücklich machen, ginge die Rechnung nicht mehr auf, sagt Anna Meier: «Abgesehen von ganz wenigen freundschaftlichen Kontakten, die unsere Produkte verkaufen, haben wir mit Wholesale ganz aufgehört. Früher war dies sicher wichtig, um die Marke bekannt zu machen, doch jetzt müssen wir uns auf unsere eigenen Kanäle verlassen können.»

Viel lieber investieren Anna Meier und ihr Team ihre Zeit und Energie in kreative Kooperationen, etwa mit dem jungen Zürcher Männermode-Designer Julian Zigerli. «Es war ein Experiment, aber ich bin positiv überrascht von der Zusammenarbeit mit Julian. Es war ein Wagnis, aber es zahlt sich aus. Die unterschiedlichsten Leute greifen bei dieser Kollektion zu.» Ausserdem hat enSoie dank dieser Kooperation erstmals auch Männermode im Angebot – etwas, was laut Anna Meier in der 44-jährigen Geschichte des Hauses neu ist: «Wir haben immer wieder versucht, auch Männermode zu machen, aber wir sind dafür einfach nicht eingerichtet und haben zu wenig Erfahrung. Es ist doch eine andere Welt.»

Zur Mode, die laut Angaben von Anna Meier etwa einen Drittel des Umsatzes von enSoie ausmacht, hat die junge Kreativchefin eine ambivalente Beziehung. Zum einen verabscheut sie den schnellen Wechsel und die launische Natur der Modewelt, zum anderen ist sie fasziniert von der emotionalen Bande, die Menschen doch mit ihrer Kleidung haben. Das zeige sich bei enSoie immer dann, wenn Kunden zum Service zurück in den Laden kommen: «Manche lassen Mäntel reparieren, die sie vor 25 Jahren gekauft haben – und wir versuchen natürlich, diesem Wunsch zu entsprechen, denn wir glauben stark an die Langlebigkeit unserer Produkte», sagt Meier. Deswegen gebe es bei enSoie auch keinen saisonalen Ausverkauf.


Regenmäntel aus der neuen Unisex-Kollektion, die Anna Meier und Julian Zigerli zusammen für den Herbst/Winter 17/18 entworfen haben.
Keramik ist per se immer einzigartig und emotional – und darum ein ideales Produkt für das familiengeführte Haus enSoie.

Veränderung als Konstante

2017, ihr siebtes Jahr im Familienbetrieb, hat Anna Meier als turbulent in Erinnerung. «Es war ein herausforderndes Jahr», sagt sie. «Es war viel Bewegung in der Firma, wir haben viel Neues angerissen.» Wandel sei aber durchaus in ihrer Natur: «Ich bin nicht jemand, der immer so weitermacht, wie es bisher war. Wenn etwas nicht funktioniert, dann ändere ich die Dinge in der Regel rasch. Wenn sich die Dinge verändern, muss man sich dem Wandel stellen.»

Einen positiven Wandel stellt Anna Meier derzeit in der Schweizer Textillandschaft fest. «Ich habe das Gefühl, dass es wieder mehr Produktionspartner in der Schweiz gibt», sagt sie. Es gebe wieder Hersteller, die an machbaren Ideen und lokale Beziehungen interessiert seien. So druckt enSoie seine Stoffe gerne bei Mitlödi in Glarus. Über den Verband Swiss Textiles sucht sie weitere solcher Anknüpfungspunkte. «Ich empfinde den Austausch mit andern Mitgliedern als bereichernd», sagt Anna Meier. «Man sollte dem Textilland Schweiz genügend Aufmerksamkeit widmen, denn das Textil ist ein wichtiger Teil unserer Geschichte.»x


Viel besser kann man es als Schneiderin kaum haben: Blick in das Atelier im historischen Altstadthaus von enSoie.


PORTRÄT

Sourire enSoie AG, Zürich

Die Geschichte von enSoie reicht bis ins Jahr 1894 zurück – damals wurde das renommierte Seidenhaus Brauchbar & Sohn in Zürich gegründet, welches Couturiers in aller Welt mit Stoffen belieferte und die Basis für die Marke enSoie war. Als Monique Meier die Firma 1974 übernahm, landete sie mit ihrer Kollektion von Seidentüchern einen grossen Erfolg. Sukzessive baute sich enSoie zu einem Brand mit einer ganz eigenen Ästhetik aus. enSoie stellt Textilien und Kleidung her, aber auch Schmuck, Keramik, Lederwaren und Wohnaccessoires. 2010 übernahmen die Töchter Sophie, Eleonore und Anna Meier die Leitung des Hauses. 2014 führten sie eine 100 Prozent Organic Sustainable Collection ein.


Sourire enSoie AG
Strehlgasse 26
8001 Zürich
Switzerland

T: +41 44 211 59 02