Fissco AG

Auf Nadeln gebettet

— Von Jeroen van Rooijen
Die Fissco produziert und konfektioniert seit 175 Jahren Woll- und Nadelfilze für verschiedenste Zwecke. Inhaber Niklaus Sägesser hat die Bernbieter Traditionsfirma mit frischen Ideen wieder marktfähig gemacht.

Die Schweizer Textilindustrie ist seit einigen Jahren stark gefordert: Zum Strukturwandel der Branche gesellt sich seit einigen Jahren ein Wechselkurszerfall, der manche Unternehmer an den Rand ihrer Handlungsfähigkeit bringt. Darüber kann man lamentieren – oder den Tatsachen ins Auge sehen und das Beste daraus machen. Niklaus Sägesser, Filzfabrikant aus Enggistein bei Worb, hat sich für Letzteres entschieden. Weil es sein Naturell ist, nach Lösungen zu suchen. Wenn’s knifflig wird, fühlt sich der Unternehmer herausgefordert. Und findet mitunter unorthodoxe Wege, die Perspektiven zu seinen Gunsten zu verbessern.

Sägesser ist Inhaber und Chef der Fissco, einer traditionsreichen Filzerei im Bernbiet. Seit 175 Jahren produziert die Firma Filze, seit 1871 am heutigen Standort in Enggistein. Die Fissco ist tief in der Region verwurzelt. Sogar die entsprechende Postautohaltestelle zwischen Worb und Biglen heisst heute «Filzfabrik». Zuerst produzierte Firmengründer Niklaus Ellenberger Holzschuhfinken – mit blossen Füssen wurde die Wolle gefilzt. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde viel Filz für die Armee produziert, ab 1967 zunehmend für die Industrie.


Bevor die Fasern für die Fissco-Filze auf die Krempelmaschine kommen, werden sie gut durchmischt auch, um die gewünschte Farbe zu erhalten.
Bevor die Fasern zu festen Filzen verdichtet werden, müssen sie zu lockeren und luftigen Vliesen geformt und lagenweise übereinander gelegt werden.

Handwechsel kurz vor «Feierabend»

Lange gehörte die Firma Fissco der Familie Ellenberger bzw. den angeheirateten Schneiters. Die Verantwortung wurde von Generation zu Generation weitergereicht. Die Innovation wurde zuletzt zu wenig gepflegt, auch wenn 2006 noch eine moderne Doppelnadelmaschine zur Herstellung technischer Nadelfilze in unterschiedlichen Härtegraden installiert wurde. Doch 2009 hatten sich die Perspektiven auch aufgrund der anhaltenden Wirtschaftskrise für die Fissco derart verschlechtert, dass sie verkauft wurde.

«Ich versuche jene Parameter anzupacken, die ich beeinflussen kann, statt mich über das aufzuregen, was ich nicht ändern kann.»

Den Zuschlag bekam Niklaus Sägesser, der sich die Fissco und das Marktumfeld angeschaut und einen Plan zur Neuausrichtung der Filzfabrik skizziert hatte. Davor war der gelernte Schreiner lange im Verkauf von Medikamenten tätig. «Mich reizten die Selbstständigkeit und das Naturprodukt Filz, das dem mir bestens bekannten Holz nicht unähnlich ist», erinnert sich der Chef an den Handwechsel, der 2010 vollzogen wurde. Sägessers Plan: In spätestens fünf Jahren sollte der Turnaround geschafft und die Fissco wieder profitabel sein.


Tausende von Nadeln, die in hohem Tempo durch die Faserlagen stechen, verfestigen den Filz, bis er die gewünschte Stärke und Dichte hat.

Der Start verlief gut. Niklaus Sägesser arbeitete sich zügig ein und gewann dank eines offenen, kooperativen Führungsstils das Vertrauen der 28 Mitarbeitenden. Er führte das «Du» auf allen Ebenen ein und bat sein Team, ihm nicht nur Probleme, sondern immer auch gleich zwei Lösungsvorschläge zu zeigen. Dann kam es zum ersten Mal knüppeldick: 2012 fiel der Euro/Franken-Wechselkurs von fast 1.60 auf 1.20. Für ein Unternehmen, das 80 Prozent seiner Produkte exportiert, ein grosser «Challenge». Doch man fand Antworten. 2014 war die Fissco bereits wieder kostendeckend unterwegs, aber die Altlasten drückten noch.

Zweifacher «Frankenschock» zehrt

Und dann kam im Januar 2015 der zweite «Frankenschock», während dem der Euro zeitweise fast Parität zur Schweizer Landeswährung hatte. Abermals spuckten Sägesser und seine Leute in die Hände, statt die Flinte ins Korn zu werfen und erarbeiteten einen Massnahmenplan mit 25 Punkten, dank dessen Umsetzung auch dieser schwere Schlag weggesteckt werden konnte. «Heute sind wir wieder à jour», resümiert der Fissco-Chef: «Ich entscheide gerne und fortlaufend. Aber manchmal im Leben ist es wohl besser, wenn man gewisse Dinge nicht schon vorab genau weiss.»

Gegenüber 2010, als Niklaus Sägesser im Alter von 47 Jahren die Fissco übernahm, hat das Unternehmen den Umsatz annähernd verdoppelt. «Ich habe vor allem aufgeräumt und dem Team den Weg gezeigt», bilanziert Sägesser. So seien bestehende Räume besser genutzt und nicht benötigte Landanteile verkauft worden. Ausserdem wurde die Wollfilzproduktion zu einem grossen Teil nach Deutschland ausgelagert. Das Team strotze zwar vor Erfahrung, war tendenziell aber etwas überaltert. Es fehlte die Frische. Heute arbeiten 22 Personen aus fünf Nationen bei der Fissco.


Filzproduktion ist Handwerk die Fissco hat in ihrem Lager stets Hunderte von Qualitäten bereit liegen, um schnell auf Marktbedürfnisse reagieren zu können.
Ein Mitarbeiter prüft die Dicke und Festigkeit des grauen Fissco-Nadelfilzes, der aus der Maschine läuft und zu grossen Rollen geformt wird.

Bald wird es wohl noch bunter auf dem Areal. Denn Niklaus Sägesser ist drauf und dran, das alte, zur Strasse hin gelegene und derzeit ungenutzte Stammhaus der Filzfabrik zu einem Durchgangsheim für 80 Flüchtlinge auszubauen. Dafür investiert er eine halbe Million Franken – Geld, das er durch die Vermietung des Hauses an den Bund mittelfristig gut investiert glaubt. Ausserdem würde er, wenn möglich, die dort untergebrachten Flüchtlinge zeitweise für die personalintensive Sortierung der Schweizer Rohwolle beschäftigen können. Diese wird periodisch bei gutem Wetter auf dem Platz aufgehäuft und dann mit einer Landmaschine zu Ballen gepresst, bevor sie zum Waschen und Verfilzen verschifft wird.

Filz in allen Formen, von weich bis bretthart

Selbst herstellen tut die Fissco noch eine Reihe von Kunstfaser-Nadelfilzen (teilweise aus rezyklierten PET-Flaschen) sowie Filze aus 100 Prozent Wolle, wie sie etwa für Schuhsohlen gebraucht werden. Nachdem das Rohmaterial gemischt ist, werden die Fasern auf eine Krempelmaschine mit Querleger geblasen, wo sie ausgerichtet, gekardet und zu luftigen Vliesen geformt werden. Diese werden in einem Dutzend Schichten übereinandergelegt, bevor sie durch die Doppelnadler zu Filzen verarbeitet werden. Abertausende von Nadeln mit kleinen Widerhaken verfilzen die Fasern ineinander. Aus drei dicken Rollen dieser Vliese wird dann auf der modernen Doppelnadelmaschine hochfester Fissco-Filz produziert. 80 Prozent der Nadelfilze werden exportiert. In der EU und in der Türkei sowie auch in Übersee werden die Schweizer Filze sehr geschätzt.

«Die Mitarbeitenden wissen oft schon lange Bescheid, wenn’s irgendwo klemmt. Man muss sie nur mitdenken lassen.»

Ausserdem konfektioniert die Fissco aus Wollfilz unterschiedlichster Härtegrade alle möglichen Industrieprodukte, etwa eine Vielzahl von Polierscheiben, Dichtungs- und Schmierringen oder Filzröhren. Auch das ist anspruchsvolles textiles Know-how: Es wird nach den Bedürfnissen der Kunden geschnitten, geklebt und gestanzt, von dick bis dünn und von weich bis bretthart. «Die Produkte werden von Hand gefertigt und primär an die Maschinenindustrie in der Schweiz geliefert», sagt Niklaus Sägesser. Dazu gehören Glasverarbeiter, Stahl- und Maschinenindustrie, Eisenbahn, Baubranche und sogar Hersteller von Musikinstrumenten.


Ein Fakir hätte Freude: Lange Bretter mit Tausenden von Nadeln , die feine Widerhaken haben, sorgen dafür, dass sich die Fasern des Filzes ineinander verhaken.
Fissco-Filz wird zu allen nur erdenklichen Formen konfektioniert er steckt in Häusern, Maschinen, Schienenfahrzeugen oder Musikinstrumenten.

Eine neuere Spezialität der Fissco ist auch der Vertrieb von naturwollenen Dämmstoffen für Neu- und Umbauten. Die weichen «Fisolan»-Matten aus 100 Prozent Schweizer Schafwolle kommen gut an. Sägesser verschickt pro Woche bis zu Hundert Musterkartons dieses Isolationsmaterials an Architekten und Bauherren. Geschickt liefert er die Muster in einem stehenden Karton an, der exakt die Masse eines Bundesordners hat – auf dass seine Innovation stets sichtbar im Regal der Planer landet.

Die Zukunft? Viel zu tun!

Niklaus Sägesser sieht auch sechs Jahre nach seinem Wechsel ins Textilfach noch viel Innovationspotenzial im Filz. Er arbeitet mit seinen Leuten unentwegt an neuen Produkten mit besserer Lebensdauer und höherer Qualität. Ausserdem habe die Fissco in Sachen Marktdurchdringung noch einige Hausaufgaben zu erledigen. Und obwohl die Firma in den letzten Jahren extrem fit getrimmt wurde, meint Sägesser, dass bei gleichbleibendem Aufwand auch Effizienz und Output noch einmal verbessert werden können. Die Mitarbeitenden zeigen grosse Bereitschaft und glauben an den Standort Enggistein. «Ich versuche, jene Parameter anzupacken, die ich beeinflussen kann, statt mich über das aufzuregen, was ich nicht ändern kann», sagt er.

Effizientes Management und Menschenführung ist offenbar das ganze Herzblut des Filzfabrikanten. Und in seinen zurückliegenden sechs Jahren als Textiler hat Sägesser verstanden: «Die Unternehmer, nicht die Banken, sind diejenigen, die diese Branche lebendig halten.» Und er empfiehlt jedem Unternehmer, auf der Suche nach neuen Ideen gut nach innen zu lauschen: «Die Mitarbeitenden wissen oft schon lange Bescheid, wenn’s irgendwo klemmt. Man muss sie nur mitdenken lassen.» Auf diese Weise, so Sägesser, könnte noch so manches schlingernde Schweizer Unternehmen wieder europäisch konkurrenzfähig gemacht werden. ×


Auch das Konfektionieren der Filze für verschiedenste Anwendungen geschieht bei der Fissco in Enggistein. Stanzeisen und Filzbänder für die Industrie.


PORTRÄT

Die Filzfabrik Enggistein, heute Fissco AG, wurde 1841 gegründet und feiert diesen Herbst folglich ihr 175-jähriges Bestehen. Sie ist heute einzige Herstellerin von Woll- und Nadelfilzen in der Schweiz. Seit 2010 besitzt und führt Niklaus Sägesser (53) das Unternehmen. Unter der Leitung des Schüpfener Quereinsteigers spezialisiert sich die Firma auf die Herstellung technischer Nadelfilze, Wollfilze mit hohen spezifischen Gewichten sowie Vertrieb und Handel von Filz- und filzähnlichen Produkten. Das Programm umfasst rund 4500 Artikel, die zu 80 Prozent ins europäische Ausland und in die Türkei geliefert werden, punktuell auch nach Übersee. Der Output der Fissco, die derzeit 22 Mitarbeitende beschäftigt, beträgt zwischen 450 und 500 Tonnen im Jahr.


Fissco AG
Biglenstrasse 505
CH-3077 Enggistein

info@fissco.ch
www.fissco.ch

T +41 31 838 40 40



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