Flawa AG

Wundersame Welt der Watte

— Jeroen van Rooijen
Mit dem jungen CEO Nicolas Härtsch startet die über 100-jährige Flawa AG in Flawil im Kanton St. Gallen in eine neue Ära durch. Die Fokussierung auf wenige, spezialisierte Produkte erlaubte es, Arbeitsplätze zu sichern und eine dezidierte Vorwärtsstrategie umzusetzen.

Vereinfacht gesagt verkauft die Flawa Luft – ein schlaues Geschäftskonzept. Sie lockert komprimierte Baumwolle mit ausgeklügelten Verfahren so lange auf, bis diese das Zwölffache ihres Volumens hat und bringt die im Vlies gebundene Luft dann auf den Markt. Klingt gut, funktioniert auch prima – hat aber den Haken, dass sich der Vorteil spätestens dann in einen handfesten Nachteil verwandelt, wenn die federleichte Ware gelagert und transportiert werden muss. Denn dann hat Watte vor allem viel Volumen, und das kostet. 

Erschwerend kommt dazu, dass sich viele Konsumentinnen und Konsumenten über ein Wegwerfprodukt wie Wattepads kaum einen Gedanken machen. Für die meisten zählt vor allem der Preis, und erst dann die Qualität. «Unsere Herausforderung ist es, den Menschen klar zu machen, dass der Preis nicht das einzige Kriterium sein kann», sagt Nicolas Härtsch, seit Anfang 2014 CEO und Mehrheitsaktionär der Flawa Holding AG. Ein höherer Preis sei nicht automatisch ein Zeichen für ein zu teures Produkt: «Auch wir setzen – obwohl wir ein Wegwerfprodukt herstellen – stark auf Nachhaltigkeit.» Ein Engagement für Mensch, Gesellschaft und Umwelt habe nunmal seinen Preis. 


Die Baumwolle wird in Stapeln angeliefert und zwischenzeitlich gelagert.
Danach wird das Material aufgelockert und zu Vliesen geschichtet.

Fragile Produktionskette

Wattepads bestehen gänzlich aus Baumwolle, welche die Flawa in komprimierten Ballen kauft — keine Rohware, sondern bereits gereinigte und schneeweiss gebleichte Fasern. Diese wird aufgelockert, gerichtet, zu Vliesen geschichtet, die Schicht für Schicht übereinander gelegt werden und so langsam von einem luftigen, kaum fassbaren Teppich zu einem kompakten Vlies werden. Schwere Maschinen stanzen blitzschnell die Formen aus, die zu Stapeln sortiert und verpackt werden. Alles läuft geschmeidig und effizient — doch wehe, wenn mal irgendwo ein Vlies reisst: Dann steht die ganze Kette still.

Die Mitarbeitenden, die die Maschinen bedienen, haben ein präzises Auge für die feinen Unterschiede. «Das Naturprodukt Baumwolle ist je nach Ernte, Herkunft und Jahr wieder anders — kerniger, trockener oder kurzfaseriger», sagt Nicolas Härtsch und greift in eine Tonne mit Wattepads, um selbst die Qualität zu prüfen. Härtsch ist selbst fast täglich in der Produktion unterwegs. Denn für seine Truppe will der neue CEO ein zugänglicher Chef sein:

«Meine Türe ist immer offen, man kann jederzeit bei mir reinschauen, und ich will auch wissen, was im Betrieb los ist.»

Das ist nötig, denn das derzeitige Marktumfeld erfordert es, die Situation laufend zu analysieren und bei Bedarf rasch zu reagieren. Anders als früher, «als wir schon ein bisschen Speck auf den Rippen hatten», wie Nicolas Härtsch halb scherzend sagt, müsse man heute «schlank und fit» sein, um wettbewerbsfähig zu bleiben. «Teile funktionieren sehr gut, aber andere auch nicht», analysiert Härtsch den Ist-Zustand, «So haben wir uns leider von den Stilleinlagen verabschieden müssen, die wir selbst entwickelt haben. Da muss man den Tatsachen schonungslos ins Auge sehen.»


Eine Maschine stanzt die Wattepads, welche anschliessend verpackt werden.

Produktion bleibt in Flawil

Die Flawa hat eine bewegte jüngere Vergangenheit hinter sich. Der Betrieb wurde in den vergangenen vier Jahren gründlich modernisiert. Der 33-jährige repräsentiert nun die vierte Generation der inzwischen über 100-jährigen Familiengeschichte. Urgrossvater Anton Lehmann gründete die Firma vor gut 100 Jahren, sein Grossvater Rolf Lehmann baute die Produktion aus, sein Vater Hans-Peter Härtsch diversifizierte ab 1980 – und nun ist es an Nicolas Härtsch, das nächste Kapitel der Flawa aufzuschlagen.

Eigentlich wollte Nicolas Härtsch Arzt werden. Ein Berufsberater riet ihm davon ab und empfahl ihm ein Studium der Rechtswissenschaften. Härtsch studierte in St. Gallen und arbeitete einige Jahre als Anwalt in der Ostschweiz, bevor ihn der Ruf des Familienunternehmens erreichte. Anfang 2014 übernahm er die Funktion des CEO, nachdem diese kurzzeitig an einen Entscheider ausserhalb der Familie übertragen worden war – und er hatte einen präzisen Plan, was zu tun sei.

Entgegen den von seinem Vorgänger angekündigten Absichten, die Watteproduktion in Flawil stillzulegen und nach Polen auszulagern, entschied er sich, an der eigenen Produktion festzuhalten. «Ich war überzeugt, dass wir die Firma aushöhlen und ihr die DNA rauben würden, wenn wir das tun», erklärt Härtsch. Denn es gehe nicht nur um die Zukunft der Firma, sondern:

«Für mich ging es auch um Menschen, die hier arbeiten und denen ich mich verpflichtet fühle. Die haben das mit uns aufgebaut.»


Die DNA des ber 100-jhrigen Familienunternehmens gilt es zu schtzen, um Arbeitspltze weiter zu sichern.

Fitnesskur geht weiter

Natürlich biss der junge CEO im neuen Job aber erst einmal auf Granit. Denn weitergehen wie bisher konnte es nicht. «Die meisten waren zwar erleichtert darüber, dass wir die Produktion in Flawil behalten wollten», erinnert sich Nicolas Härtsch, «dennoch waren viele nicht bereit, sich zu verändern und für die Zukunft fit zu machen.» Der Kulturwandel brauchte Zeit, Kraft und Nerven – aufseiten des neuen Patrons, aber auch auf Seiten der Belegschaft. Heute sind rund 120 Menschen für die Flawa tätig – «Wir haben klar weniger Personal als früher, doch die Kerncrew ist stabil».

Abgeschlossen sei der Umbau der Flawa aber nicht, lässt Nicolas Härtsch auch wissen. Anfang 2017 hat die Firma den Marketing- und Vertriebsbereich für Medizinprodukte mit der Lohmann & Rauscher AG in St. Gallen zusammengeführt. Und Mitte des Jahres verkündete die Mutterfirma Flawa Holding AG, dass sie die Flawa Consumer GmbH, die rund 75 Prozent der Gesamtproduktion des Flawiler Unternehmens leistet, an ihre ehemalige Tochter U.S.Cotton in den USA verkauft hat. Für die Mitarbeitenden ändert sich erst einmal nichts, doch das Signal ist klar: Alleine schafft es die Flawa nicht.

Nicolas Härtsch schaut dennoch optimistisch in die Zukunft. «Ob früher alles besser war, kann ich nicht beurteilen, dazu bin ich zu jung», sagt er. «Ich sehe das Wasserglas lieber halb voll als halb leer. Es gibt immer einen Weg.» Durch den Verkauf von Teilen des Unternehmens sei man zu Mitteln gekommen, um in neue Geschäftsfelder zu investieren. Der CEO ist überzeugt: 

«Der Werkplatz Schweiz kann sich heute nur über added value differenzieren. Wir arbeiten in Nischen und müssen in dem, das wir gut können, einfach spitze sein.»


Aus dem Restmaterial der Wattepads werden Frischesohlen produziert.
Durch hohe Standards und menschliche Qualitten differenziert sich die Flawa AG auf dem internationalen Markt.

Vom Verband profitieren

Swissness sei durchaus auch ein Argument, allerdings kein entscheidendes, so Nicolas Härtsch: „Viel wichtiger ist die Geschichte und die Erfahrung, die wir haben. Das schafft mehr Vertrauen als die Provenienz.“ Wo sich die Flawa nicht oder nur minimal übers Produkt differenzieren könne, versuche man, sich über menschliche Qualitäten abzuheben. „Wir wollen gute Partner sein“, sagt Härtsch, „Unsere Kunden haben mit uns vielleicht nicht den günstigsten, aber sicher den verlässlichsten Partner.“

Im Verband Swiss Textiles ist die Flawa kein typisches Mitglied – sie stellt keine Garne oder Textilien her. „Ich dachte auch zuerst, dass wir da gar nicht hingehören“, lacht Nicolas Härtsch, „Doch beim näheren Hinsehen stimmt es. Wir produzieren nahe an den üblichen textilen Verfahren.“ Ausserdem profitiere man im Verband voneinander. „Swiss Textiles bietet ein gutes Netzwerk von spannenden Firmen, mit denen wir uns intensiv austauschen – das ist wertvoll, um auch die nächsten hundert Jahre immer wieder den Weg zu finden“, so der Flawa-Chef.×



PORTRÄT

Die Flawa AG im St. Gallischen Flawil ging aus der 1900 gegründeten "Berner Verbandstoff-Fabrik Emil Müller" hervor, die sich 1915 mit der "Wattefabrik Gebrüder Mallaun", zusammenschloss und den Firmensitz und die Produktion nach Flawil verlegte. 1934 wurde die Marke Flawa eingetragen, 1949 wird sie zum Firmennamen. Heute stellt die Flawa, die in Flawil rund 125 Menschen beschäftigt, verschiedene Watteprodukte her, darunter vor allem Wattepads in allen möglichen Festigkeiten und Formaten sowie Frischesohlen für Schuhe. Darüber hinaus konfektioniert die Flawa Reise- und Erste-Hilfe-Apotheken. CEO, Delegierter Verwaltungsrats und Mehrheitsinhaber ist der 33-jährige Nicolas Härtsch.


FLAWA AG
Badstrasse 43
CH-9239 Flawil

T +41 71 394 91 11


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