HeiQ Materials AG, Schlieren

Textiltechnologie, die Mehrwert schafft

— Jeroen van Rooijen
Die junge Schweizer Firma HeiQ stellt innovative Textiltechnologien für den Weltmarkt her und wächst dank kluger Ideen und geschicktem Storytelling mit Riesenschritten. Ein Besuch in der Denkwerkstatt und den chemischen Labors vor den Toren der Stadt Zürich.

Naturfasern können vieles, was der Mensch und seine im Labor erzeugte Faserwelt nicht schaffen: gleichzeitig wärmen, kühlen, ventilieren oder schützen. Eigentlich ist das meiste schon da, was der Mensch zum (Über-)Leben braucht. Weil Seide, Baumwolle, Wolle und Cashmere aber teuer sind und in Zeiten der knapper werdenden Ressourcen stets kostspieliger werden, setzt die Industrie seit sechs Jahrzehnten zu 80 Prozent auf Kunstfasern. Diese müssen sich einige Talente der Naturfasern aber erst aneignen. 

Den Zauberkasten hierfür liefert die textilchemische Industrie – textile Ausrüster sorgen dafür, dass auch synthetische Materialien zuverlässig atmen, kühlen, vor Umwelteinflüssen schützen und eine komfortable zweite Haut bilden. Ausserdem erhalten auch Naturfasern dank textilchemischer Ausrüstungen neue, zusätzliche funktionelle Eigenschaften. An vorderster Front mit dabei: die Firma HeiQ Materials AG aus Schlieren. HeiQ entwickelt und stellt textilchemische Technologien her, die aus Textilien funktionelle «Smart Fabrics» machen.

Mitgründer und Geschäftsführer von HeiQ ist Carlo Centonze, ein grossgewachsener Tessiner, der an der ETH in Zürich studiert hat. Auf einer Alpenwanderung mit seinem australischen Geschäftspartner Dr. Murray Height hatte er vor 13 Jahren die zündende Idee für HeiQ – daher auch der Firmenname (hike = wandern). Man kann den Namen aber auch als Tribut an den Erfinder Height oder «High IQ» oder «High Quality» lesen. Wie man will. «Entscheidend war für uns letztlich auch, ob der Begriff im Internet noch nicht besetzt war», erklärt Centonze den Ursprung des Brands. 


Mit ausgeklügelten Labortests kann HeiQ die Wirksamkeit seiner Textiltechnologie überprüfen und dem Handelspartner Sicherheit bieten.

Storytelling ist essenziell

HeiQ stellt auf Textilien applizierbare funktionelle Chemie her, die mit sehr geringem Einsatz viel bewirkt und passive Gewebe in intelligente Materialien verwandelt. Die mit den HeiQ-Technologien ausgerüsteten Stoffe können kühlen, vor UV-Strahlung schützen, sind wasserabweisend, geruchshemmend, geschmeidig wie Seide, abriebfest oder halten sogar Stechmücken fern. Je nachdem, welche Anwendung zum Einsatz kommt, lässt sich so für den Hersteller von Funktions- und Performance-Bekleidung ein substanzieller Mehrwert schaffen. Und je nachdem, wie viel HeiQ-Technologie aufgetragen wird, können diese Kleidungsstücke bis zu hundert Mal gewaschen werden.

Damit der Konsument den Aufpreis für die Funktion auch honoriert, verpackt HeiQ seine Ideen in validierte Marketingkonzepte, die es seinen Kunden, den textilen Brands – zusammen mit der Chemie – zur Verfügung stellt. Griffig betextete Hangtags mit Videolinks, die ans Kleidungsstück angebracht werden und mit QR-Codes versehen sind, machen den Zusatznutzen auf den ersten Blick erkennbar. Schliesslich geht es heute nicht nur in der Welt von Handel, Mode und Medien, sondern auch in Forschung und Entwicklung um gekonntes Storytelling. Letzteres ist das Spezialgebiet von Carlo Centonze, der unumwunden sagt: «Unser Erfolg war nicht so sehr die Technologie, sondern das neue Geschäftsmodell, denn wir geben den textilen Brands Innovation und Differenzierung.»


Die differenzierende Textiltechnologie von HeiQ findet sich in den Produkten von Weltmarken wieder.
Das Motto der Firma – «Differentiate & innovate» ist überall im Hauptsitz von HeiQ präsent – hier in einer textilen Variante.

Nachhaltigkeit ist zentral

Tatsächlich spricht die chemische Industrie meistens nicht die Sprache der «Normalverbraucher», sondern pflegt ihren ganz eigenen Tech-Slang. Um gute Ideen auch umsatzrelevant in den Markt zu bringen, brauchen sie oft die Hilfe von Werbeagenturen. Anders ist es bei HeiQ. Die Firma bietet ihren Partnern durchdachte Marketingstories, die dem Konsumenten klar machen, was die Differenzierung der textilen Funktion ist. «Man sieht dem Textil die Technologie nicht direkt an, also muss man dem Konsumenten den Mehrwert mit rationalen Argumenten und gutem Storytelling vermitteln», erklärt Carlo Centonze.

«Der Nachhaltigkeitsgedanke ist bei HeiQ vom ersten Tag Teil des Entwicklungskonzepts. Wir setzen auf erneuerbare Rohstoffe und eine Produktion, die Energie durch Prozessoptimierung spart.»

Bevor Carlo Centonze mit HeiQ durchstartete, war er Gründungsmitglied der ebenfalls in der ETH gestarteten Umweltschutzorganisation Myclimate, die sich weltweit mit der Kompensation von CO2-Belastungen befasst. Klar, dass ihm in seiner derzeitigen Position bei HeiQ ebenfalls nicht egal ist, welche Einflüsse die Chemie auf die Umwelt hat. Dass es sie brauche, sei unvermeidbar, sagt der Unternehmer: «Chemie ist für jegliche Bekleidung essenziell, ohne Chemie kann man kein Textil herstellen.» Doch ist es Centonze ein Anliegen, dass HeiQ wenn immer möglich nachhaltige Chemie produziert: «Der Nachhaltigkeitsgedanke ist bei HeiQ vom ersten Tag Teil des Entwicklungskonzepts. Wir setzen auf erneuerbare Rohstoffe und eine Produktion, die Energie durch Prozessoptimierung spart. So dient eine der Technologien von HeiQ – «Dyefast» – auch dazu, dass das Färben von Polyester 35 Prozent weniger umweltbelastend und demnach auch günstiger zu bewerkstelligen ist.»


Stücke Stoff werden für Versuche im Labor von HeiQ in Schlieren ausgeschnitten und nummeriert.
Eine Mitarbeiterin prüft in einer Klimakammer, wie sich die mit Produkten von HeiQ behandelten Stoffe unter bestimmten Bedingungen verhalten.

Fulminantes Wachstum

Angeschoben haben die Entwicklung von HeiQ rund 100 Investoren, die Potenzial in dem innovativen Geschäftsmodell sahen. Diese Risikobereitschaft hat sich gelohnt, denn HeiQ ist seit 2012 profitabel und wächst seither mit rund 30 Prozent pro Jahr. Allein in Schlieren beschäftigt HeiQ aktuell 40 Mitarbeitende, die im Labor, im Marketing, im Verkauf oder auch als Maschinenbauer tätig sind. Neue Entwicklungen werden inzwischen aus dem eigenen Cashflow finanziert. Mit noch grösseren Schritten soll es die kommenden Jahre weitergehen, sagt CEO Carlo Centonze: «Dank starkem organischem Wachstum und einem Zukauf in den USA kann HeiQ schon 2017 seinen Umsatz auf einen Schlag verdoppeln. Für die weiteren 18 Monate sind weitere Zukäufe geplant, um von 30 auf knapp 100 Millionen Umsatz zu kommen.» 2019 will Centonze HeiQ dann an die Börse bringen – «wenn alles klappt», grinst er lässig.

Ausserdem wird HeiQ seinen «Brand-Kunden» schon sehr bald nicht nur Technologien und Marketing zur Herstellung intelligenter Textilien verkaufen, sondern auch ein dienstleistungsorientierter Partner für die Umsetzung und Produktentwicklung sein. Dazu baut die Firma gerade eine neue Anlage zur schnellen Bemusterung funktionaler Stoffe auf, die ab Januar 2018 «ans Netz» gehen soll. Auch hier hat HeiQ erkannt, wo die «pain points» seiner Kunden sind, um ihnen als Partner neue Dienstleistungen anbieten zu können. «Mit der Schnellbemusterung können wir für unsere Kunden Produktentwicklungen in einem statt in sechs Monaten ermöglichen», freut sich Carlo Centonze.


HeiQ bietet zweierlei an: Intelligente Textiltechnologie für smarte Stoffe – und griffiges Marketing für den Erfolg am Markt.
Weltweit tätig: HeiQ ist eine junge Firma, aber schon auf der ganzen Welt tätig – und wächst mit Riesenschritten.

Schweizer Werte und DNA

So wie HeiQ unterwegs und tätig ist, ist die Firma mit Sitz in Schlieren längst ein – wenn auch kleiner – «global brand», der kaum noch vom helvetischen Standort abhängig ist. Dennoch empfindet es Carlo Centonze als Privileg, aus der Schweiz heraus zu operieren: «Unsere DNA und die Werte von HeiQ sind schweizerisch. Wir sind pünktliche, zuverlässige, engagierte Partner und arbeiten mit unseren Kunden an langfristigen Win-win-Lösungen.» Ausserdem sei HeiQ eng mit dem Forschungsnetzwerk Schweiz verbunden und bildet über 15 Masterstudenten und Doktoranden pro Jahr aus.

«Ohne die Schweizer Textilindustrie hätte es auch die Basler Chemie- und Pharmaindustrie nicht gegeben.»

Als Chemieunternehmen mag HeiQ im Verband Swiss Textiles auf den ersten Blick exotisch wirken, doch gibt Carlo Centonze zu bedenken: «Wir sind zwar keine Textiler, aber auch keine klassische Chemiefirma. HeiQ entwickelt nur textilchemische Technologien. Und man bedenke: Der pharma- und chemielastige Wirtschaftsdachverband economiesuisse ist aus dem von der Textilindustrie 1870 gegründeten Schweizerischen Handels- und Industrieverein herausgewachsen. Textil war einmal eine der tragenden Schlüsselbranchen der Schweiz. Ohne die Schweizer Textilindustrie hätte es auch die Basler Chemie- und Pharmaindustrie nicht gegeben.»x



PORTRÄT

HeiQ  Materials AG

Die Firma HeiQ besteht aus vier Firmen an sechs Standorten. In der Schweiz ansässig ist die HeiQ Materials AG in Schlieren (ZH) und Bad Zurzach (AG) – hier wird vor allem geforscht und an neuen Konzepten gearbeitet sowie Spezialitäten hergestellt. Die HeiQ ChemTex Inc. in North Carolina und Georgia (USA) ist ein Produktionsbetrieb mit zwei Standorten. Die HeiQ Australia Pty. Ltd. in Victoria ist ein reiner Forschungsstandort. HeiQ Ltd. in Hongkong ist der dritte Forschungsstandort. HeiQ wurde 2005 von Carlo Centonze und Dr. Murray Height gegründet. 


HeiQ Materials AG
Rütistrasse 12
8952 Schlieren
Switzerland

T: +41 56 250 68 50
F: +41 56 250 68 41