LU Couture AG

Ohne Schneider geht es nicht

— Jeroen van Rooijen
Keine Firma in der Schweiz bildet so viele kompetente Schneiderinnen und Bekleidungsgestalterinnen aus wie LU Couture in Luzern. Das hat System, denn hinter dem Unternehmen steht ein Förderkonzept zur Erhaltung und Pflege des Handwerks.

Im Kanton Luzern wurde ein spannendes Projekt zur Aufwertung und Pflege des Schneidergewerbes initiiert. Die LU Couture AG, benannt nach dem Kennzeichen LU für den Kanton Luzern, ist Massatelier, Ausbildungsstätte, Produktionsbetrieb und handwerkliches Kompetenzzentrum in einem – initiiert und gefördert von der Kantonsregierung, doch inzwischen nach marktwirtschaftlichen Kriterien geführt. An zwei Standorten in Luzern und Willisau werden seit drei Jahren Dutzende von Couture- und Konfektionsschneider ausgebildet.


Der Eingang zu LU Couture in Luzern atmet den Geist der guten alten Zeit  das Haus war einst eine Bank. Rechts: Mass-Modell im Atelier in Willisau.
Die Auszubildenden arbeiten nach einem Rotationsprinzip sowohl in der Produktion in Willisau wie auch im Luzerner Atelier von LU Couture (Bild).

Verantwortliche Geschäftsführerin bei LU Couture ist die Rheinländerin Rufina Hümmer, die selbst einst eine Lehre als Damenschneiderin gemacht hat und sich in Düsseldorf zur Schnittdirectrice weiterbilden liess. Vor ihrem Engagement bei LU Couture war Hümmer Leiterin der Modellentwicklung bei Calida in Sursee. «Ich habe immer gerne genäht und fand die Herausforderung, mich für etwas Neues zu engagieren und den Nachwuchs zu fördern sehr motivierend», sagt Rufina Hümmer. Man könne das Handwerk in Zukunft nicht weiter outsourcen und an Maschinen delegieren. «Jemand muss das Know-how pflegen und weitergeben», ist die Fachfrau überzeugt. «Nur der Schneider hat das Auge für Passform und Proportionen, für Verarbeitung und Material.»

Zwei Ateliers an zwei Standorten

2009 stand man kurz davor, die Berufsschulklassen für Modegestaltung zu schliessen. Allerdings gab es eine Nachfrage nach der Ausbildung zur Schneiderin. 2012 kam es darum zu einer Leistungsvereinbarung, es wurde ein Verein zur Förderung der Berufsausbildung im Bereich Bekleidung mit Sitz in Willisau gegründet. Der Verein ist alleiniger Aktionär der LU Couture AG. 100 Personen sind Mitglied, weitere Unterstützer kommen laufend dazu. In der sogenannten PPP (Private Public Partnership) werden mittelfristig Partner und Investoren aus der Textilindustrie gesucht.


Mode ist auch heute noch zeitraubende und aufwndige Handarbeit  daran wird man bei LU Couture auf Schritt und Tritt erinnert. Aufnahme aus der Willisauer Produktion.
Die Luzerner Ateliers von LU Couture befinden sich im ersten Stock eines historischen Stadthauses, wo frher eine Bank und spter eine Massschneiderei war.

LU Couture besteht aus zwei Ateliers, die zusammen 36 Leute beschäftigen – eines befindet sich  in der ehemaligen Kreditanstalt an der Alpenstrasse in Luzern, wo zuvor jahrzehntelang die Schneiderei der Familie Jucker domiziliert war. Die Räume atmen den Geist der alten Zeit, als man noch zum Schneider ging, um sich einzukleiden. Die knarrenden Parkettböden, die hohen Decken, viel Tageslicht und die massgefertigten Einbauten im Stil von früher geben dem Atelier viel Atmosphäre. Eine kleine Installation im Eingang erinnert an die Jucker-Dynastie. «Es ist ein absoluter Glücksfall, dass wir diese schönen Räume an derart zentraler Lage übernehmen konnten», sagt Geschäftsführerin Rufina Hümmer.

Die jungen Auszubildenden verbringen drei Lehrjahre bei LU Couture, whrend derer sie das Handwerk in all seinen Facetten kennenlernen.

«Swiss Made» ist wieder im Kommen

Im Luzerner Atelier werden unter der Leitung von Marisa Fischer Massanfertigungen gemacht sowie Änderungen, die ein nicht unbedeutender Teil der Arbeit ausmachen. Die Lehrlinge arbeiten ausserdem an der eigenen Kollektion. Auch Feinmass wird angeboten, dazu verfügt LU Couture über einen erfahrenen Herrenschneider. «Feinmass ist allerdings eine Frage von Budget und Geduld, es wird immer seltener», sagt Rufina Hümmer. Dafür sind die konfektionierten Massanzüge in traditioneller Verarbeitung gefragt, die LU Couture mit einem Partner umsetzt.

Feinmass ist eine Frage von Budget und Geduld, es wird darum immer seltener.

Im Produktionsbetrieb in Willisau sieht es anders aus – in den einstigen Schulräumen im Tiefparterre des Berufsbildungszentrums werden auch grössere Serien genäht, sei es für Firmen, Verbände oder Institutionen, aber zunehmend auch für Designer, denen «made in Switzerland» wichtig ist. Eine Spezialität des Ateliers sind Jersey-Verarbeitungen. Atelierleiterin ist Carol Sidler, die 2009 in Calgary Weltmeisterin in einem internationalen Schneiderwettbewerb war und die 30 Lehrlinge betreut. Es gebe mehr und mehr Menschen, die bewusst in der Schweiz produzieren wollen, sagt Sidler. Der Betrieb sei bereits recht gut ausgelastet, aber: «Wir haben noch Kapazität».


Die beiden Ateliers von LU Couture leiten die erfahrenen Schneiderinnen Marisa Fischer (links) und Carol Sidler  letztere trgt sogar einen Weltmeistertitel.
Das Angebot von LU Couture umfasst Einzelanfertigungen auf Mass, nderungen und auch die Produktion von konfektionierten Serien.

Lehrlinge packen ihre Chance

Das Team von LU Couture setzt darauf, dass sich der Markt zu seinen Gunsten entwickelt. Dass sich das Bewusstsein für den kulturellen und gesellschaftlichen Wert von Kleidung wieder bessert und damit die Qualität wieder in den Fokus rückt. «Komplett umkehren lässt sich die globale Entwicklung nicht», weiss Rufina Hümmer, «aber es verändert sich etwas. Die Leute interessieren sich wieder dafür, wo etwas herkommt. Sie wollen einen Bezug haben zu ihrer Kleidung». «Irgendwann kommt der Moment der Sättigung und es entsteht ein Bedürfnis, bewusster und gezielter einzukaufen», so die Fachfrau.

Es verändert sich etwas. Die Leute interessieren sich wieder dafür, wo etwas herkommt.

Die Nachfrage nach Lehrstellen ist unverändert da. «Nicht alle jungen Menschen wollen Blogger, Popstars oder Fussballer werden», sagt Rufina Hümmer, «oft gibt es in der Familie ein Mitglied, das schon in der Schneiderei war, sei das eine Mutter oder Grossmutter.» Es seien zu über 90 Prozent junge Frauen, die eine Lehre als Schneiderin machen. «Wir würden aber auch gerne mehr junge Männer ausbilden», sagt die Geschäftsführerin von LU Couture. Der Kanton zahlt einen gewissen Beitrag für jeden Lehrling, der ausgebildet wird, aber: «Den Rest der Betriebskosten müssen wir selbst erwirtschaften», so Hümmer.

Im Sommer 2016 haben die ersten elf Lehrlinge ihre Ausbildung bei LU Couture abgeschlossen und wurden ins Berufsleben entlassen. «Teilweise gehen sie in die Industrie, ins Handwerk, ins Theater oder die Trachtenschneiderei», resümiert Rufina Hümmer. Alle elf haben ihre individuelle Chance gepackt. Ziel der kommenden Jahre sei es nun, das Qualitätslevel der Ateliers weiter zu festigen und dabei die Bekanntheit der Marke zu steigern. «Ausserdem wollen wir die eigene Kollektion noch besser vermarkten und diese in Standardgrössen auf den Markt bringen», skizziert Rufina Hümmer ihre Pläne. Dazu benutzt LU Couture auch die modernsten Werkzeuge, die es dazu gibt: Auf Facebook und Instagram zeigen die Luzerner täglich, was sie antreibt und begeistert. Χ


Nicht alle jungen Menschen wollen Popstar oder Blogger werden  die Nachfrage nach Ausbildungspltzen im Schneiderhandwerk ist ungebrochen.
Das Credo von LU Couture lautet: Nur der erfahrene Schneider hat das Auge fr Passform, Proportionen und Verarbeitung.


PORTRÄT

Die LU Couture AG, 2012 mit Sitz in Willisau gegründet, engagiert sich aktiv für die Erhaltung des Berufs zur Bekleidungsgestalterin und bietet insgesamt 30 Lehrplätze für die praktische Grundausbildung an. Die dreijährige Lehre als Bekleidungsgestalterin mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis erfolgt im Lehrbetrieb Willisau, davon ein Semester im Atelier in Luzern. Mit Abschluss der Lehre erhalten die Absolventen der zwei Ateliers Zugang zur gestalterischen Berufsmaturität und zu höheren Fachausbildungen. Rufina Hümmer ist verantwortliche Geschäftsführerin der LU Couture AG, die beiden Ateliers leiten die erfahrenen Schneiderinnen Marisa Fischer (Luzern) und Carol Sidler (Willisau).


LU Couture AG
Lehrbetrieb für BekleidungsgestalterInnen
Schlossfeldstrasse 8
6130 Willisau

info@lu-couture.ch
www.lu-couture.ch

T +41 41 970 45 11



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