Meister & Cie AG

Geflochtene Textilien haben Zukunft

— Jeroen van Rooijen
Wenn über den Fortbestand von Traditionsunternehmen debattiert wird, ist oft von Innovationsbereitschaft die Rede. Ist es dasselbe wie Risikobereitschaft? Nein, sagt Marcel Meister, Geschäftsführer von Meister & Cie AG in Rüegsauschachen. Die Firma fertigt geflochtene Seile – auch solche für medizinische Einsätze.

Wenn man die Schweizer Landkarte studiert, liegt Hasle-Rüegsau mittendrin. Ist man aber mal da, so würde man es nicht gerade «mitten im Leben» nennen. Das Dorf, eine Doppelgemeinde von ländlichem Charakter, versteckt sich geschickt im mittleren Emmental, auf halbem Weg zwischen Burgdorf und Langnau i.E. Und im Dorf thront dieser hohe Betonturm, der eindeutig kein Kamin ist. Er wurde früher gebraucht, um Feuerwehrschläuche mit Kautschuk zu beschichten, einst ein Geschäftszweig der 1869 gegründeten Flechterei Meister & Cie AG. Marcel Meister, Geschäftsführer in sechster Generation, erzählt, wie in dem Turm schwere Feuerwehrschläuche hingen. Er und sein Bruder spielten gerne im Materiallager. Damals wurde noch vieles mehr hergestellt, etwa auch Seile – das über hundert Meter lange Gebäude an der Strasse, das dafür früher nötig war, ist heute in eine Reihe Einfamilienhäuser umgebaut und vermietet.


Die Flechtmaschinen mit ihren Spulen tanzen in atemberaubendem Tempo und mit ziemlichem Getse auf ihrem Karussell  24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche.

Als Marcel Meister erwachsen war, zog es ihn erst einmal fort, raus aus dem Emmental. «Ich wollte als junger Mann nicht in der Firma arbeiten», erinnert sich der heute 43-jährige CEO der Meister & Cie AG. Es zog ihn in die IT-Branche. Doch es kam anders: «Vor 20 Jahren kam dann mein Vater auf mich zu und motivierte mich, zumindest als temporärer Versuch, in der Firma zu arbeiten». Meister beschloss, der Idee einen Versuch zu geben. 1997 stieg er im Aussendienst in die Firma ein. Und er fing, wider sein anfängliches Erwarten, bald Feuer für die Flechterei. «Ich denke, dass es eine Kombination von zwei Dingen ist», sagt Marcel Meister rückblickend: «Da ist zum einen etwas im Blut, und zum andern erkennt man das Potenzial erst, wenn man sich in das Fach vertieft».

Vielseitiger als früher

Jede Generation habe etwas sehr gut oder besser als alle anderen gemacht, darum sei es mit der Meister & Cie AG immer weitergegangen. Auch heute reiche es nicht, einfach «weiter zu machen» – Innovationsbereitschaft, ein geflügeltes Wort aus dem ökonomischen Handbuch, ist auch bei Meister eine wichtige Komponente. «Innovation heisst für mich aber nicht, die Welt neu zu erfinden», erklärt Marcel Meister sein unternehmerisches Prinzip. «Wir müssen nicht unbedingt komplexe Satellitenbauteile entwickeln, sondern können Prozesse verbessern, an der Qualität arbeiten, an der Geschwindigkeit und der Produktivität». Das Handwerk, die Flechterei, sei im Grunde seit mehreren Hundert Jahren dasselbe. Doch die Anwendungsbereiche der Produkte sind heute ungleich vielseitiger als früher.


Solche geflochtenen Tunnels aus Kunstfasern werden heute in Automobilen und Schienenfahrzeugen gebraucht, um Kabelstrnge zusammenzufassen.
Manche der Maschinen bei Meister & Cie AG sind echte Veteranen  aber deswegen keineswegs verzichtbar. Denn das Handwerk bleibt im Kern dasselbe.

Eines dieser neuen Geschäftsfelder, das die Meister & Cie AG gezielt aufbaut, ist die Entwicklung und Produktion von biomedizinischen Geflechten für die Medizinaltechnik. In einem eigens hierfür aufgebauten, blitzblanken Reinraum im Hauptsitz in Rüegsauschachen werden biokompatible Werkstoffe für medizinische Anwendungen verarbeitet. Das pure Polyethylen wird in einer sauberen Produktionskette zu geflochtenen Litzen und Kordeln verarbeitet, die als Teile von medizinischen Instrumenten oder auch als Implantate im Körper zum Einsatz kommen.

«Heute arbeiten wir auf Augenhöhe mit Ingenieuren und Experten verschiedenster Fachgebiete und unsere textile Expertise wird geschätzt.» – Marcel Meister

Seit mehreren Jahren investiert Meister & Cie AG in diesen Bereich – nächstes Jahr soll die Medizinaltechnik bereits den Break-even erreichen. Das Segment war für die Meister & Cie AG Neuland, auf dem sie laufend Fortschritte erzielen konnte. «Als wir mit der Medizinaltechnik anfingen, haben wir natürlich erst einmal Fehler gemacht, aber solche, die uns weitergebracht haben», sagt Marcel Meister. «Heute arbeiten wir auf Augenhöhe mit Ingenieuren und Experten verschiedenster Fachgebiete und unsere textile Expertise wird geschätzt». Nicht zu unterschätzen sei allerdings der hohe Aufwand für Qualitätsmanagement und regulatorische Angelegenheiten, die nötig sind, um in diesem Feld tätig zu sein.


Viele Handgriffe in der Flechterei werden nach wie vor am besten von Menschenhand ausgefhrt. Hier wird eine Maschine bestckt, die Garnrollen aufspult.
Zu Dutzenden werkeln die Flechtmaschinen in den Hallen der Meister & Cie AG flink vor sich hin  die Produktion luft weitgehend automatisiert.

Glauben tut man in der Kirche

Was Meister & Cie AG von seinen Mitbewerbern unterscheidet: Die Emmentaler sind innovativ, präzis und zuverlässig. Oder wie Marcel Meister sagt: «Wir sind frisch, haben ein innovatives Produktionskonzept und sind zielorientiert. Entscheidungen gehen nicht erst wochenweise die Hierarchiestufen rauf und runter». Dass sich die Investitionen in die Medizinaltechnik für seine Firma schon bald lohnen können, freut Marcel Meister. Gemeinsam mit seinen Kollegen in der Geschäftsleitung wurde der Markt vorab abgesteckt und schrittweise auf diese Entwicklung hingearbeitet. «Hoffen ist eine schlechte Basis für Unternehmertum. Und Glauben kann man am Sonntag in der Kirche», sagt Meister provokativ. «Ich bin Unternehmer und treffe meine Entscheide aufgrund von möglichst vielen Fakten». Man dürfe im Privaten auf vieles hoffen, als Sportler vielleicht sogar im Beruf, aber als verantwortungsvoller Unternehmer sei das Prinzip der Hoffnung keine solide Basis, um langfristigen Erfolg zu sichern.

Auf eine langfristige Perspektive setzt auch Marcel Meisters Team von 25 Angestellten. Sie, die in der Region wohnen und arbeiten. Die Firma wächst – nicht nur beim Auftragsvolumen, sondern auch bezüglich der Profitabilität. «Gewinn zu machen erlaubt es uns, weiter zu investieren. Wir wollen auch in den nächsten Jahren weiterhin investieren. Und wir brauchen eigenes Risikokapital für neue Innovationen», sagt der Unternehmer. Meister wächst im Inland durch den Zugewinn neuer Kunden, mit den Eigenfabrikaten und Retail-Konzepten für Handelswaren. Auch im Ausland konnten die Emmentaler neue Kunden gewinnen – etwa im Bereich Kabelschutz für den Bereich der Schienenfahrzeuge, wo die Meister-Geflechtschläuche zur Bündelung von Kabelsträngen gefragt sind.


Bevor die Meister-Kordeln konfektioniert und verpackt werden, landen sie in grossen Containern. Verarbeitet wird heute fast ausschliesslich Kunstfaser.
Das Einbringen und Zutragen geistiger Getrnke und deren Genuss whrend der Arbeit sind verboten  aus der Meister-Fabrikordnung von 1929.

Partner und Problemlöser

Meister & Cie AG hat bereits die nächsten Ziele ausgespäht: «In 20 Jahren werden viel mehr textile Seile die bisher verwendeten Drahtseile ersetzen, auch bei Kränen und Aufzügen», weiss Marcel Meister. Textile Geflechte seien oft leichter und belastbarer. Was dem Umbruch noch im Wege steht, ist der Argwohn der Verbraucher, die textile Fasern noch für instabiler halten als Drahtseile.

«Früher waren wir Hersteller und Lieferant für Seile und Kordeln, heute sind wir Entwicklungspartner und Problemlöser.» – Marcel Meister

 

Es ist die Kombination aus bodenständigem, präzisem Handwerk und der Kühnheit, über seine Grenzen hinaus zu denken, die Meister & Cie AG auszeichnet. Statt über die derzeit sehr dynamischen Marktkräfte, die entfesselten Wechselkurse und den Druck aus dem Ausland zu jammern, späht Meister lieber nach Chancen, die sich öffnen. «Uns ist es gelungen, in den letzten 20 Jahren Kompetenzen zu entwickeln, bei denen es nicht nur ausschliesslich um den Preis geht», resümiert Marcel Meister. Es gehe um Reduktion von Risiken, Qualität, Konzeption, Service und Swissness. «Wenn wir nur noch über Preise reden, haben wir in der Schweiz verloren», sagt Meister nüchtern und fügt an: «Früher waren wir Hersteller und Lieferant für Seile und Kordeln, heute sind wir Entwicklungspartner und Problemlöser. Das macht uns aus – und gibt mir die Zuversicht, dass wir auf dem richtigen Weg sind». Χ


Ein industrielles Bijou im neuen Glanz: Zentrale der Meister & Cie AG in Regsauschachen  hier befindet sich auch der Reinraum fr die Medtech-Textilien.


PORTRÄT

Die im Emmental ansässige Firma Meister & Cie AG blickt auf eine bald 150-jährige Geschichte zurück und entwickelt Textilgeflechte. Zu ihren Kernkompetenzen gehören die textile Produktentwicklung, die Herstellung von eigenen Seilen und Kordeln sowie eine ausgeklügelte Konzeption im Beschaffungswesen und Kundenservice. So ergänzt Meister sein Sortiment mit Handelsprodukten, um den Partnern Komplettlösungen anzubieten und den Absatz zu erhöhen. Auf die Herstellung von preissensitiven Massenprodukten verzichtet Meister bewusst, dafür investiert die Firma in neue textile Technologien. Die Firma wird von einem schlagkräftigen Team mit Marcel Meister als CEO geführt, Vertreter der sechsten Generation. Sie beschäftigt derzeit 25 Mitarbeitende.


Meister & Cie AG
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