Nile Clothing AG

Hoch getaktet und dennoch
entspannt unterwegs

— Von Jeroen van Rooijen
Das Modeunternehmen Nile aus Biel macht kaum Schlagzeilen, dafür umso kontinuierlicher gute Umsätze mit entspannten, gut kombinierbaren Kollektionen.

Zu den herausragenden Schweizer Eigenschaften gehört – neben Präzision, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit – die Bescheidenheit. Dieser ist es wohl zu verdanken, dass vielen Schweizerinnen und Schweizern, darunter auch solchen, die bei Nile einkaufen, nicht klar ist, dass das Modelabel ein helvetisches ist. 13 Filialen bewirtschaftet Nile hierzulande, 160 Handelspartner weltweit. So kosmopolitisch und international die Mode der Firma aus dem bernischen Sutz bei Biel also ist, so diskret tritt das Unternehmen nach aussen hin auf. Nile macht kein Aufheben um seine Position. Statt das Rampenlicht sucht man den Erfolg beim Kunden, statt Geld in Werbung zu «buttern», wird das eigene Vertriebsnetz gepflegt.
 

Natur und eine lssige Entspanntheit sind das Leitmotiv der Kollektionen, aber auch der Kommunikation von Nile. Das Fotoshooting fand auf Sylt statt.


Angefangen hat die Erfolgsgeschichte von Nile im Jahr 1983 – Edith Hansmann, damals Modemacherin in Ausbildung, trug eine selbst entworfene Bluse, die dem Bieler Modeunternehmer Markus Gygax auffiel und gefiel. Gygax bat Hansmann, für seine «Bijou les Boutiques» eine Serie von zehn solcher Blusen zu nähen. Sie waren im Nu ausverkauft. Es folgte eine weitere Bestellung, dann ein «richtiger» Job in der Firma und sukzessive bauten Gygax und Hansmann, die bis heute als Designchefin in der Firma tätig ist, ihre Eigenmarke auf. Sie nannten sie Nile und setzten auf gewaschene Stoffe, natürliche Farben, organische Prints und bequeme Schnitte – ein Erfolgsrezept, das sich bis heute nicht verändert hat.
Aus der Eigenmarke der Bieler Boutiquenkette ist inzwischen ein eigenes Unternehmen geworden, das grösser ist als die Handvoll Läden, aus denen es einst hervorging. 110 Mitarbeitende sind bei Nile beschäftigt, 70 beim grössten Franchisingnehmer (Pluvina AG), die zehn Nile Stores in der Schweiz betreibt. Ein Gang durch das Hauptquartier in Sutz, das markante Design Studio in Biel und das weitläufige Zentrallager in Täuffelen machen auch dem betriebswirtschaftlichen Laien klar, dass hier kein Zwerg am Wursteln, sondern ein ziemlich cleveres Imperium am Werk ist.

Wer selbst Produkte entwickelt, braucht nicht nur passionierte Mitarbeiter, sondern auch ein Materialarchiv, aus dem man sich bedienen kann.

Eigene Kreation macht den Unterschied

Kopf und Herz der Firma sind seit Mitte 2015 die Gebrüder Marc und Kevin Willy, die seit sieben Jahren im Unternehmen tätig und über Umwege auch mit Gründer Markus Gygax verwandt sind – dieser ist der Bruder eines angeheirateten Onkels. Die jugendlich wirkenden Gebrüder Willy (Jahrgang 1986 und 1988) amten seit der Übernahme der Aktienmehrheit von 60 Prozent der Anteile an der Nile Clothing AG als Co-CEOs und teilen sich die Verantwortung in einer geschmeidigen und selbstverständlichen Art, wie es wohl nur unter Geschwistern möglich ist. Weiterhin mit an Bord sind Markus Gygax und seine Schwester Sabine, die für die Pluvina AG verantwortlich ist.

Gewaschene Stoffe, natürliche Farben, organische Prints und bequeme Schnitte –
ein Erfolgsrezept, das sich bis heute
nicht verändert hat.

Das Schmuckstück der Nile Clothing AG ist das Atelier in einer ehemaligen Kartonagenfabrik in Biel. Der eigenwillige Bau in Form eines Dreiecks, seit Längerem unter Denkmalschutz und vor zwei Jahren komplett saniert, beherbergt auf zwei Etagen den Nile Showroom und das Designstudio. Schnell wird klar, dass dies ein entscheidender Vorteil von Nile ist: Die Firma kauft nicht einfach auf dem Weltmarkt Styles und Looks zusammen, um sie mit dem eigenen Etikett in die Läden zu pumpen, sondern entwickelt seine Kollektionen komplett selbst. Neben Produktmanagerinnen arbeiten Schnittmacherinnen und Prototypennäherinnen an den Entwürfen. Das Arbeitsklima ist entspannt und familiär – man duzt sich fast überall.
Der «Nile Style» ist erkennbar: «Casual» ist die Maxime – Zielkundin ist eine Frau, die sich modisch orientiert, aber nicht unbedingt eine Trendsetterin ist. Sie will sich gut und bequem anziehen und sucht nicht die Provokation, sondern eine unkomplizierte Mode für den Alltag. Typisch sind lebendige Oberflächen, neutrale Nichtfarben, dehnbare Stoffe und eine entspannte Silhouette. Es gibt auch Männermode von Nile, doch hat sie mit einem Umsatzanteil von nur zwei Prozent noch «den Charakter eines Hobbys», wie Kevin Willy scherzt. Die «Interiors» der Nile-Geschäfte sind geprägt von natürlichen «postindustriellen» Materialien und einem Hauch von Vintage.

Die lichtdurchfluteten Rume in der ehemaligen Cartonnage in Biel bieten ein ideales Arbeitsumfeld fr kreative Entwicklungen.
Bei Nile werden praktisch alle Erstschnitte im Haus gezeichnet und zur Serienreife gebracht. Eine Mitarbeiterin feilt an einem Prototyp.

Antworten auf Fragen zur Nachhaltigkeit

Produziert wird die Mode in Asien, wo Nile eine eigene Tochterfirma hat. Das Unternehmen arbeitet mit elf lokalen Produzenten, zu denen enge Beziehungen gepflegt werden. So stellen die Gebrüder Willy, die diese Einheit in den letzten Jahren entscheidend mit aufgebaut haben, sicher, dass sowohl Machart wie Arbeitsbedingungen den Anforderungen der Zeit gerecht werden. Marc Willy erzählt von hochmodernen Fabriken, die ihre Abwässer in grossen Sickerteichen selbst klären und so das gängige Bild von der ausbeuterischen Fernostproduktion widerlegen: «Wir können auf die Fragen nach Ökologie und fairer Produktion sehr gute Antworten liefern.»

Die Nile-Kundin ist modisch orientiert, aber nicht unbedingt eine Trendsetterin. Sie will sich gut und bequem anziehen und sucht nicht die Provokation, sondern eine unkomplizierte Mode für den Alltag.

Das System, mit dem Nile seine Läden bewirtschaftet, ist hoch getaktet und dem Zeitgeist der permanenten Erneuerung verpflichtet. Die Ware wird zuerst ins Zentrallager nach Täuffelen geliefert, wo sie kontrolliert und sortiert wird. Alle drei Wochen werden neue Kollektionen in die Läden gebracht – das Geschäftsjahr ist in vier Saisons und 15 Liefertermine eingeteilt. Was sich gut verkauft, kann sofort nachgeordert werden. Was zum Ende der Saison übrig bleibt, wird ins Zentrallager zurückgezogen, ein Jahr eingelagert und neu zusammengestellt, um eine zweite Chance zu bekommen. So hat Nile stets ein frisches Sortiment in den Stores und vermeidet überdies die ruinösen Rabattschlachten, die anderswo die Ertragsbasis des Handels erodieren lassen.
Das Tempo im internationalen Modemarkt ist hoch, die Trends werden immer rascher hochgejubelt – und wieder fallengelassen. Hier kommt Nile zugute, dass die Firma schon vor Jahren ein stilistisches Repertoire formuliert hat, das eine gewisse Robustheit und Zeitlosigkeit hat. Zwar merken auch die Gebrüder Willy, dass die Kundin nicht mehr so viel Schichtenlook trägt und weniger ganze Outfits als gute Einzelteile kauft, doch kann innerhalb der etablierten Form-, Material- und Farbenwelt von Nile auf das sich verändernde Konsumverhalten reagiert werden, ohne sich untreu zu werden. «Der Nile Style ist wandelbar», sagt Kevin Willy.


«In der Schweiz haben wir es nach wie vor sehr gut», ergänzt Marc Willy, dagegen sei die EU schon ein deutlich härteres Preisumfeld für Nile. Grösster Wachstumsmotor sei dennoch Europa – Nile vermeldet dieses Frühjahr satte 30 Prozent plus auf die aktuelle Vororder. Eine positive Entwicklung spüren die Nile-Kapitäne auch im Netz – der eigene Webshop arbeitet profitabel und wird im Laufe des Jahres 2016 noch einmal rundum erneuert. Dazu wird das eigene Fotostudio, derzeit noch im Zentrallager Täuffelen ansässig, in die Zentrale nach Sutz-Lattrigen verlegt – man will noch näher am Puls dessen sein, was die Kundinnen interessiert. So macht man heute erfolgreich Mode. ×


PORTRÄT

Das Schweizer Modelabel Nile, 1983 vom Bieler Unternehmer Markus Gygax als Eigenmarke der Ladenkette «Bijou les Boutiques» gegründet, gehört mit 13 eigenen Geschäften und 160 Handelspartnern in aller Welt zu den textilen Schwergewichten des Landes. Die Firma mit Sitz im Bernischen Sutz pflegt seit Jahren konsequent ihren eigenen Stil und entwickelt ihre Kollektionen rundum selbst. Produziert wird in einer Handvoll hochmoderner Produktionsbetriebe im fernen Osten, mit denen Nile eng zusammenarbeitet. Designchefin ist seit den ersten Tagen Edith Hansmann, geführt wird das Unternehmen seit Mitte 2015 von den Gebrüdern Marc und Kevin Willy, die seit sieben Jahren im Unternehmen tätig und sich als Co-CEOs um die Geschicke des Modelabels kümmern.


NILE Clothing AG
Hauptstrasse 33
CH-2572 Sutz

info@nile.ch
www.nile.ch

T +41 32 397 24 40



Weiterführende Links

mehr Bilder