Remei AG

Baumwolle, der man vertrauen kann

— Jeroen van Rooijen
Patrick Hohmann, Gründer und Verwaltungsratspräsident der Remei AG, hat den Wandel vom konventionellen Garnhändler zum Spezialisten für 100 Prozent transparente Biobaumwolle vollzogen. Eine Lebens- und Lerngeschichte, von der die ganze Branche profitieren kann.

Können Textilien Emotionen transportieren? Fragt man den Modedesigner, dann ist die Antwort eindeutig Ja. Schliesslich ist der Stoff das Medium, mit dem er seine Ideen ausdrückt. Fragt man den Konsumenten, wird er tendenziell auch zustimmen – viele Menschen haben emotionale Beziehungen zu ihrer Kleidung – oder zumindest zu Teilen davon. Ist es aber auch möglich, dass Fasern Emotionen transportieren, und zwar vom Feld, auf dem sie angebaut werden, bis zum Kleidungsstück, für das sie versponnen, gewebt, konfektioniert und vernäht werden?

Wenn man die Remei AG in Rotkreuz besucht, kommt man zum Schluss, dass es so etwas geben muss. Keine geheime Macht oder spirituelle Kraft, sondern eine emotionale Bande, die sich vom Anbau bis zur Endbestimmung einer Faser nachvollziehen lässt. Kern dieser Beziehung ist Vertrauen. Ein Vertrauen zwischen den Baumwollbauern in Indien und Tansania, ein Vertrauen des Zwischenhändlers in der Schweiz und ein Vertrauen der Abnehmer, die dank der langjährigen Pionierarbeit von Patrick Hohmann und seiner Firma die sauberste und transparenteste Biobaumwolle bekommen, die es derzeit am Markt gibt. «Man kauft ein T-Shirt nicht nur des Labels wegen», sagt Hohmann. «Ich habe das Gefühl, dass die Kleidung auch zu den Menschen spricht.»


Die Remei AG investiert viel Zeit in ihre Recherche und weiss genau, welche Unternehmen wo tätig sind.
Der direkte Austausch mit den Bauern war Patrick Hohmann stets wichtig. Hier ein Bild eines Besuches in Indien aus dem Remei-Archiv.

Es muss einen anderen Weg geben

Es hat allerdings einiges an Energie und Zeit gekostet, bis die Remei AG zu dieser Erkenntnis gelangte. Die Erfolgsgeschichte beginnt in den späten 1980er-Jahren. Patrick Hohmann, in Ägypten und im Sudan aufgewachsen, war Textilingenieur und Garnhändler, fuhr in der Welt herum, besuchte Hersteller und verkaufte einen Grossteil seiner Produkte in die DDR. Die Deutsche Demokratische Republik verkaufte damals viele Anlagen für die Textilproduktion, und importierte handkehrum Garne. Dann fiel die Mauer, die DDR war über Nacht kein Kunde mehr. «Wir mussten uns fragen, wie wir dieses Geschäft, das sowieso stets ein bisschen rückläufig war, kompensieren», erinnert er sich an diese Zäsur in der europäischen Geschichte.

Patrick Hohmann dachte intensiv über seine Branche nach. Und sah immer mehr Dinge, die ihn irritierten. «Die Bauern steckten ihr Geld in den Boden, verdienten aber nichts dabei», erinnert er sich. Er wunderte sich, warum ein Spinner in Indien Fasern von einem 500 Kilometer entfernten Lieferanten kaufte, obwohl vor seiner Haustüre Baumwolle wuchs. Und sah kopfschüttelnd zu, wie die europäische Wirtschaftsgemeinschaft im Sudan umfangreiche Textilanlagen finanzierte, die völlige Fehlplanungen waren, weil dort, wo sie gebaut wurden, entweder keine Rohware, kein Strom oder keine Abnehmer waren. Patrick Hohmann dachte: «Das kann doch nicht sein, es müsste doch einen anderen Weg geben.»


Bei der Biobaumwolle ist die Remei AG vom Samen bis zum Endprodukt involviert.

Scheitern – und es wieder versuchen

Hohmann begann, den anderen Weg zu suchen. Und sucht ihn in gewissem Sinne bis heute. 1990 war er auf einer Hochzeit in Indien und kam zur Überzeugung, dass die Zukunft «bio» sein müsste. 1991 machte er den ersten Feldversuch und säte ein Baumwollfeld biologisch an. Im Herbst folgte das Desaster: «Wir fuhren eine totale Missernte ein, alles war kaputt», erinnert er sich. «Der Bauer beschimpfte uns, weil wir ihm dazu geraten hatten, auf Pestizide zu verzichten», rekapituliert der Biopionier. «Ich wollte mich bei ihm entschuldigen, aber er meinte, dass das nicht nötig sei. Nicht die Idee sei falsch gewesen, sondern die Ausführung.»

Es folgte 1992 ein zweiter Feldversuch, an dem 35 indische Bauern teilnahmen – allesamt Jainisten. Kern des Jainismus ist die Überzeugung, dass sich in der Welt das geistige und ungeistige Prinzip gegenüberstehen. Für Jainisten ist auch alles Stoffliche beseelt, nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Pflanzen oder Wasser. Sie sind überzeugt, dass die Zeiten, in denen menschliche Tugenden und spirituelle Fähigkeiten wachsen, sich mit solchen des Niedergangs abwechseln. Und siehe da: Patrick Hohmann und seine Bauern hatten eine Aufwärtswelle erwischt: Im Herbst ernteten sie ein paar Tonnen Biobaumwolle. «Das war damals aber eher ein Hobby als ein Geschäftsmodell. Wir probierten einfach ein bisschen herum und steckten jedes Jahr ein paar Tausend Franken in dieses Projekt, das uns eine Herzensangelegenheit war.»

Der Markt reagierte allerdings erst einmal gleichgültig bis ablehnend auf die neuartige Baumwolle. «Kein Mensch war damals daran interessiert, diese von uns zu kaufen», sagt Hohmann – obwohl er und seine Firma pro Kilo einen Franken Entwicklungshilfe für die Bauern drauflegten. Die Ernte betrug damals rund 80 bis 90 Tonnen pro Jahr. 1993 kam die Wende: Der Grossverteiler Coop klopfte an. Patrick Hohmann war zuerst skeptisch: «Wir wollten unser Hobby nicht einfach so verkaufen – erst recht nicht an die Coop, die damals nicht besonders fortschrittlich war.» Dennoch flog Hohmann zusammen mit Projektleiter Jürg Peritz nach Indien, zeigte ihm alles – und es kam zum Handschlag. Coop kaufte den Grossteil der Produktion und wurde bis heute zum wichtigsten Entwicklungs- und Handelspartner der Remei AG.


In der hauseigenen Designabteilung arbeitet eine Mitarbeiterin an der kommenden Kollektion.
Sowohl beim Anbau wie auch beim Design wird auf ein Element gesetzt: die Recherche.

Die ganze Kette unter Kontrolle

Es sollte aber noch rund zehn Jahre dauern, bis sich die Remei AG dazu durchrang, konsequent nur noch auf bio zu setzen. 2004 beschloss der Verwaltungsrat, den Handel mit konventionell erzeugten Garnen aufzugeben und sich auf Biobaumwolle zu konzentrieren. «Wir taten das, weil es Sinn ergab», resümiert Patrick Hohmann die Entscheidung. «Wir wollten nicht mehr dem Geld, sondern einer Idee nachlaufen.» Die Remei AG wechselte «von einem abbremsenden Zug, der aufs Abstellgleis fährt, auf einen losfahrenden Zug in die Zukunft», wie Hohmann sagt. Der Umsatz fiel von einem Jahr aufs andere von 40 auf 20 Millionen Franken – notabene bei fast gleichbleibender Mitarbeiterzahl, weil die biologische Produktion viel aufwendiger zu organisieren, kontrollieren und zu verkaufen ist.

Der kühne Schritt hat sich heute, bald 15 Jahre nach der Weichenstellung, als richtig erwiesen. Patrick Hohmann und die Remei AG gelten bis weit über die Landesgrenzen hinaus als engagierte Spezialisten und vertrauenswürdige Partner für Biobaumwolle. «Wir kontrollieren die ganze Kette, vom Anbau des Samens bis zum fertigen Produkt, das wir inhouse entwerfen», sagt Hohmann. Nicht nur der Anbau der Fasern ist bio, auch der ganze Prozess ist gelenkt und kontrolliert, insbesondere das Färben der Garne und Textilien. «Wenn jemand es ernst meint mit bio, muss er zu uns kommen», sagt Hohmann selbstbewusst, aber ohne Überheblichkeit.

«Bio begann vor 100 Jahren auf dem Monte Verita, und es dauert wohl noch ein paar Hundert Jahre, bis die Ideen in der ganzen Textilindustrie angekommen sind.»


Wir stehen jetzt bei zehn Prozent

Über Kopisten und Trittbrettfahrer, die «bio» vor allem über den Handel mit Zertifikaten propagieren, hat sich Patrick Hohmann jahrelang geärgert. Heute sieht er es entspannter: «Sie zwingen uns, besser, transparenter und sauberer zu sein als die anderen.» Denn bio bedeute nicht, das Image zu polieren und sich mit etwas «Greenwashing» ein nachhaltiges Mäntelchen umzulegen, so wie das viele internationale Ketten machen. «Es geht um Menschenrechte», sagt Patrick Hohmann, «und diese werden das nächste grosse Thema dieser Branche.» Ein langer, zäher Kampf stehe auch bevor, was die massive Ausbreitung von genmanipulierter Baumwolle betrifft. Die von Patrick Hohmann gemeinsam mit Coop gegründete bioRe-Stiftung der Remei AG forscht nach entsprechenden, GVO-freien Samen.

Es steht ausser Zweifel: Die Remei AG hat mit ihrem Pioniergeist entscheidend dazu beigetragen, «saubere» Biobaumwolle möglich zu machen und sie am Markt zu etablieren. Ausserdem hat sie bewirkt, das einst etwas «alternative» Image der Biofaser zu erneuern. Vielleicht dauert es nicht mehr lange, und dann wird bio auch in der Mode richtig hip, so wie es inzwischen beim Essen der Fall ist. Patrick Hohmann ist vorsichtig optimistisch, was die weitere Entwicklung betrifft: «Auf einer Skala von 1 bis 100 stehen wir jetzt vielleicht bei zehn Prozent. Bio begann vor 100 Jahren auf dem Monte Verita, und es dauert wohl noch ein paar Hundert Jahre, bis die Ideen in der ganzen Textilindustrie angekommen sind.» Und mit fast prophetischer Lässigkeit fügt er an: «Ich bin überzeugt, dass wir hier die Zukunft unserer Industrie vorwegnehmen: Man verkauft nicht nur das Produkt, sondern auch eine Beziehung.X



PORTRÄT

Remei AG

Die Remei AG im zugerischen Rotkreuz beschäftigt 22 Mitarbeitende, welche die Produktion nachhaltiger Textilien aus Biobaumwolle koordinieren und den Produktionsprozess von der Masstabelle bis zur Auslieferung begleiten. In Tansania und Indien sind etwa 160 weitere Mitarbeitende tätig. Der Umsatz beträgt rund 18 Millionen Franken im Jahr. Gründer und Verwaltungsratspräsident ist der Biopionier Patrick Hohmann. Der Erfolg des 1983 als konventioneller Baumwollgarnhandel gestarteten Unternehmens basiert auf einem ausgereiften und nachhaltigen Supply Chain Management. Die Produkte sind bis zum Anbau zu 100 Prozent rückverfolgbar. Kunden der Remei AG sind unter anderem Marken wie Mammut und Elkline sowie Händler wie Grüne Erde und Coop Schweiz mit dem Private Label Naturaline.


Remei AG
Lettenstrasse 9
6343 Rotkreuz

T: +41 41 798 32 32

info@remei.ch
www.remei.ch