Schoeller Textil AG

Die Zukunft der Mode entsteht im Labor

— Jeroen van Rooijen
Die Schoeller Textil AG mit Sitz im St. Galler Rheintal ist eine der weltweit führenden Spezialistinnen für innovative Funktionsstoffe. Für CEO Siegfried Winkelbeiner gehören die nachhaltige Produktion und die laufende Erneuerung des Ideenpools untrennbar zusammen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Textilherstellern, deren Name oft nur Fachleute ein Begriff ist, ist die Firma Schoeller Textil AG aus Sevelen eine Marke, die auch Laien kennen. Denn wo Schoeller drinsteckt, steht meistens auch Schoeller drauf. Seit Jahren verkauft das Unternehmen nicht nur Stoffe, sondern auch Know-how – und lässt seinen Namen im Gegenzug in die Kreationen von weltbekannten Marken mit einnähen. Vor allem im Bereich der Sportmode und Schutzbekleidung ist Schoeller stark, doch forscht die Firma auch intensiv in anderen zukunftsträchtigen Segmenten des Textilmarktes. 

All dies geschieht im unscheinbaren Sevelen im St. Galler Rheintal, dicht an der Grenze zum Fürstentum Liechtenstein. Hier ist Schoeller zu Hause – mitten im Dorf befindet sich das Produktionsgelände der Firma, deren Schriftzug markant aus der Fassade der dunklen Lagerhalle herausragt. Dahinter befinden sich die weitläufigen Produktionshallen, in denen neue Stoffe gewebt, gewaschen, gefärbt, ausgerüstet und für Kunden in aller Welt bereitgestellt werden. Alle Fäden laufen in einem diskreten Bürogebäude zusammen, wo CEO Siegfried Winkelbeiner und sein Team bestehende Beziehungen pflegen und neue Ideen evaluieren.


Bei der Ankunft bei Schoeller in Sevelen sticht sogleich der über die Fassade des Lagers hinaus ragende Schriftzug ins Auge.
In den Produktionshallen von Schoeller werden Stoffe gewoben, gefärbt, gewaschen und mit technischen Fähigkeiten ausgerüstet.

Swiss Textiles: Herr Winkelbeiner, die Schweizer Industrie wird gefordert durch hohe Standortkosten und weltweite Konkurrenz – wo drückt Ihnen gerade der Schuh?

Siegfried Winkelbeiner: Wir haben derzeit gerade eine Art von «Luxusproblem», denn wir können nicht so viel liefern, wie wir Aufträge haben. Unsere Produktionskapazitäten sind am Limit. Die anziehende Konjunktur führt dazu, dass alle Kunden zugleich bestellen. Und so kommen wir ganz schnell an unsere Grenzen. Die Schwierigkeit ist also, unsere Kunden trotz dieser Engpässe zufriedenstellen zu können.

Das ist ja eine gute Nachricht. Doch hätte man diese Entwicklung als verantwortungsvoller Manager nicht kommen sehen müssen?

Der Umschwung kam abrupt und sehr kräftig. Man kann solche Schwankungen nicht vorausplanen. Wir hatten in den letzten Jahren einige relativ schlechte Wintersaisons. Dadurch haben viele Kunden vorsichtig eingekauft. Das erste Halbjahr 2017 war auch noch eher durchschnittlich, aber seit dem Sommer hat die Nachfrage massiv zugelegt. Entsprechend wird nun wieder bestellt und produziert.

Könnten Sie mit zusätzlichem Personal nicht ihre Produktionskapazität kurzfristig erhöhen?

Wir können nicht kurzfristig unsere Teams skalieren, denn wir brauchen nicht einfach Manpower, sondern Fachleute. Und die sind auf dem Markt rar. Deswegen haben wir derzeit acht Lehrlinge, fünf davon in der Produktion. Wir können mit diesen Leuten nicht nach dem Prinzip «hire & fire» umgehen. Wenn wir Mitarbeitende auf die Strasse stellen, sind sie weg – und das wäre sehr schlecht, denn unser Know-how steckt in den Menschen, die wir beschäftigen.

In welchen Bereichen hat sich die Nachfrage nun so stark erhöht?

Interessant ist, dass es über die ganze Breite geht. Es betrifft Mode, Outdoor und technische Textilien. Ausserdem beginnen unsere Investitionen der letzten drei bis vier Jahre zu greifen, während derer wir massiv in neue Technologien investiert haben – diese Projekte laufen jetzt auch an und liefern zusätzlichen Schub.


Das textile Know-How der Schoeller Textil AG steckt zu einem guten Teil in den Arbeitnehmern. Diese Fachleute sind schwierig zu finden.
Es wird in eine innovative und nachhaltige Infrastruktur investiert. Hier das Beispiel der wassersparenden Waschstrasse.

Schoeller hat sechs Business Units, mit denen Sie die Bereiche Sport- und Schutzbekleidung, Medizinal- und Techtextilien, Strick, Technologie und Lizenzen abdecken – wo geht derzeit am meisten die Post ab?

Performance Textiles ist noch immer die grösste Einheit. Da geht es um Fashion, Sport und Outdoor. Wir sehen aber derzeit, dass die Begriffe und Segmente verschmelzen. Fashion, Sport und Outdoor beeinflussen sich gegenseitig. Sport ist fashionable geworden, die Mode funktionaler. Wir haben dafür den neuen Begriff «Cosmopolitan» geschaffen, er beschreibt funktionale Alltagstextilien, denen man ihre technischen Qualitäten nicht auf Anhieb ansieht.

Die letzten Jahre waren stark von Innovationen im Bereich der Sportmode geprägt. Ist da so etwas wie eine Sättigung des Marktes erreicht?

Der Outdoormarkt ist noch immer stark in Bewegung. Soeben haben wir mit der Mammut Sports Group einen neuen, einmaligen Artikel geschaffen, den es so noch nicht gab. Verstärkende Elemente, die man früher aufnähte, sind heute Teil des Gewebes. Das Verstärkungsmaterial an der Kleidung wird quasi ins Textil mit eingewebt. So etwas erlaubt ein ganz neues Styling. Dadurch wird die Kleidung leichter, dauerhafter und gleichzeitig effizienter zu produzieren.

Schoeller ist als Marke bekannt – reizt es Sie da nicht, auch selbst Mode zu machen?

Es wäre für uns nicht einfach, diesen Weg zu gehen – wegen der Breite der Angebote, die wir haben. Wir sind im Freizeit- und Profisport tätig, statten Motorradfahrer und Skispringer aus, es geht um Sicherheit, zudem wird bei uns gewoben und gewirkt – das ist eine ganz andere Sortimentsbreite als etwa bei Zegna, die Anzugstoffe machen und in dieser Konsequenz auch selbst begannen, Anzüge zu nähen.

Die Firma Red Bull hat mit Ihrer Hilfe soeben eine neue Marke lanciert, AlphaTauri – was können diese Teile, was Mode bisher noch nicht konnte?

Bei AlphaTauri geht es darum, hochwertige Materialien mit klassischen Schnitten und funktionalen Effekten zu verbinden, Bekleidung einen zusätzlichen Mehrwert zu geben. Ein solcher Mehrwert ist Taurex. Eine Textiltechnologie, die dem Träger abgegebene Körperenergie zurückgibt – ein smarter Link zum Energy Drink von Red Bull.


Jetzt mal im Ernst: Wer denkt sich so etwas aus?

Gute Stories haben wir zuhauf, aber es braucht immer auch den richtigen Partner und Marktzugang. Die Idee ist im Brainstorming zusammen mit Red Bull entstanden. Schoeller könnte so etwas nicht alleine auf den Markt bringen. Die Visibilität, wie sie Red Bull hat, etwa auch mit dem Rennstall, würden wir alleine nie erreichen.

Wo entstehen neue Ideen? Gibt es dazu bei Ihnen eine Art Labor?

An Ideen mangelt es uns nicht. Es ist eher die Frage, auf welche man setzt. Wir arbeiten daher in Teams, in denen Leute aus Verkauf, Forschung und Produktion zusammenkommen. Wir sammeln Ideen und gewichten diese. Das alles wäre nicht möglich, wenn nicht die ganze Firma auf allen Stufen auf Innovation getrimmt wäre.


Hier wird die Zukunft der Mode formuliert: Im Labor von Schoeller werden neue, innovative Stoffe entwickelt und getestet.
Mit Stolz und Sachverstand bei der Arbeit: eine Fachperson bedient die neue Waschstrasse von Schoeller.

Erlebt man mit neuen Ideen auch Überraschungen – etwa, dass etwas, was man selbst toll findet, im Markt gar nicht ankommt?

Ganz sicher. Wir haben auch schon tolle Ideen gehabt, bei denen wir der Zeit voraus waren. Man muss auch das richtige Momentum erwischen. Innovation muss auch verkauft werden können. Dazu muss man nah beim Kunden sein. Allerdings weiss der oft auch nicht, was er in der Zukunft braucht. So hilft es, sich mit anderen Instituten und Forschungsanstalten zu vernetzen, um an neues Wissen zu gelangen.

Ein Beispiel?

Die Bauindustrie hat nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York lernen müssen, dass sich die Stahlträger der Türme des World Trade Centers wegen der Hitze so stark verbogen haben. Also werden solche Träger heute mit Betonschichten geschützt, damit sie sich nicht mehr derart aufheizen. Diese Technologie haben wir auf Softshell-Stoffe übertragen, die wir als «Pyroshell» in den Handel gebracht haben. Das Softshell-Textil hat eine Oberfläche, die sich im Ernstfall verändert – das Material bläst sich bei Hitze auf und eliminiert die Sauerstoffschicht im Gewebe. Dadurch brennt das Material kaum noch, ausserdem schlägt die Hitze nicht auf die Haut durch. Bei Polizeieinheiten in der Ostschweiz ist Kleidung aus diesen Stoffen beispielsweise im Einsatz.

Die Schoeller Textil AG verkauft ihre Ideen nicht nur als fertig gewebte Stoffe, sondern auch als Lizenzen. Ist es nicht heikel, solche Entwicklungen aus der Hand zu geben?

Wenn wir Technologie statt Stoffe an grosse Brands liefern und unser Know-how mit wichtigen Partnern teilen, kann das durchaus für beide Seiten gut sein. Levi’s etwa kauft bei uns keine Jeansstoffe, die wären für sie zu teuer. Doch sie brauchen für gewisse Sortimente, etwa für ihre Commuter-Hosen, unsere Technologien. Wir können dann wiederum unsere Labels an Millionen von Kleidungsstücken heften. Das gibt einen schönen Werbeeffekt und auch Royalties, die man wieder in die Forschung investiert.

Sie arbeiten eng mit dem bekannten Umweltaktivisten David de Rothschild zusammen und beliefern ihn mit Stoffen für dessen Kollektion «The Lost Explorer». Ist das Thema Nachhaltigkeit also auch in den Tech-Textilien angekommen?

Es geht bei Schoeller um Innovation, aber auch immer mehr um Nachhaltigkeit. Das gehört inzwischen untrennbar zusammen. David ist für uns diesbezüglich ein toller Partner. Wir haben mit ihm neue Stoffe entwickelt. Für ein nachhaltiges Material haben wir auch einen schönen Preis an der Première Vision in Paris erhalten. Das Obermaterial ist unter anderem aus rezyklierten Fischernetzen, die Rückseite aus Merinowolle und die Ausrüstung dazwischen bzw. die Oberflächenbehandlung sind aus nachwachsenden Rohstoffen. Und das Beste daran ist: Dieses Textil macht keine Abstriche bei der Performance.

Was kommt in Zukunft an neuen Entwicklungen auf uns zu? Woran wird bei Schoeller gerade geforscht?

Wir beobachten genau, was die Natur macht und übertragen diese Ideen auf das Textil. Man nennt dies Bionics. Da ist noch viel zu entdecken.


Weben, färben, waschen und ausrüsten: Die Herstellungsprozesse von Schoeller sind komplex.
Stoffe werden bei Schoeller auf Kundenwunsch gewoben, gefärbt und ausgerüstet. Im Moment übersteigt die Nachfrage die Kapazitäten.

Werden wir bald mit unseren Smartphones verschmelzen und den Computer am Ärmel tragen, als Teil einer smarten Jacke?

Wir befinden uns eindeutig in einer technologischen Revolutionsphase. Elektronik und Textil kommen jetzt zusammen. Es wird aber nicht so aussehen, wie wir uns das heute vorstellen: Derzeit wird etwas auf den Stoff aufgeklebt oder mit Tapes angebracht. Das ist nicht der Weg, den wir langfristig gehen. Wir werden die Elektronik und das Textil so verbinden, dass sie eins werden.

Wie kann das konkret aussehen?

Smarte Lautsprecher werden unser Leben noch einmal entscheidend verändern. Diese Geräte stehen im Haushalt und Büro, und wir kommunizieren mit ihnen. Bald werden wir auch über solche Stationen einkaufen. Diese Geräte haben textile Oberflächen, die auch reagieren, das heisst, sie brauchen bald keine Knöpfe mehr zu drücken, sondern zeichnen mit ihrem Finger einen Befehl auf die Oberfläche. In der Küche wird das Textil ein anderes sein als im Wohnzimmer oder Schlafzimmer. So ein Gerät könnte letztlich auch ein Kissen auf dem Sofa sein.

Das Textil wird also ein haptischer Transmitter zur digitalen Welt.

Genau, und da bauen wir derzeit eine Expertise auf. Wir wollen Gewebe, Gewirke und Gestricke bringen, die leitfähig sind. Das klingt einfach, ist aber eine grosse Herausforderung und bedingt auch, dass man in Konsortien arbeitet. Denn dafür müssen viele Disziplinen zusammenkommen, die oft nicht in einer Firma gebündelt sind. Allein die Frage der Energieversorgung und der Anschlüsse ist ein sehr komplexes Thema.

Wie weit entfernt ist diese Zukunft noch?

Sie ist teilweise schon da. Wir arbeiten derzeit an einigen grösseren solcher Projekte. So sind wir bei den heizbaren Softshells und Stoffen mit einer osmotischen Membrane sehr weit, entsprechende Produkte, etwa eine voll klimatisierte Skijacke von Lasse Kjus, sind nächstes Jahr marktreif. Etwas länger dauert es noch mit den Textilien, die Menschen helfen, sich zu bewegen. Und bei der Energiegewinnung durch Stoffe, die aus der Bewegung des Menschen etwa das Handy aufladen, sind wir noch drei bis vier Jahre von der Marktreife entfernt.

Sollte Schoeller angesichts dieser Entwicklungen nicht besser im Silicon Valley statt im St. Galler Rheintal sein?

Das Rheintal ist doch das Silicon Valley der Schweiz?! Wir haben hier eine grosse Dichte an hoch innovativen Firmen. Und wenn man sieht, welche Expertinnen und Experten dort tätig sind und woran diese forschen, dann bin ich guter Dinge bezüglich der Frage, ob wir hier wettbewerbsfähig bleiben können. Klar ist aber auch: Wir müssen heute weltweit vernetzt arbeiten und offen sein, auch anderswo Ressourcen zu nutzen.x


Vor der Auslieferung werden die Stoffe - etwa Spezialtextilien für Schutzbekleidung – im Lager der Schoeller aufbewahrt.


PORTRÄT

Schoeller Textil AG
Die Schoeller Textil AG mit Sitz im St. Galler Rheintal hat ihre Wurzeln in der 1868 von Rudolph Schoeller in Schaffhausen errichteten Kammgarnspinnerei mit dem Namen «Schoeller & Söhne». Die Firma übernahm 1954 die Tuchfabrik in Sevelen, wo sich heute der Hauptsitz der Schoeller befindet. In den Folgejahren setzte die Firma auf «man-made-fibers» wie Polyamid oder Elasthan und positioniert sich als textiles Technologieunternehmen, das bis heute in Nischenmärkten weltweit führend ist. Schoeller hat sechs Fachbereiche: Performance Textiles, Protection Textiles, Eschler Knitting Textiles, Technologies & Licensing, Care Textiles und Eschler Technical Textiles.

Das Leitbild der Schoeller Textil AG setzt den Menschen in den Mittelpunkt seines Handelns: Textilien und Technologien verbessern die Lebensqualität der Menschen, fördern sein Wohlbefinden, schützen Arbeitende, unterstützen Sportler und Sportlerinnen und lassen die Mode unverwechselbar wirken. Die Schoeller Textil AG ist ein Tochterunternehmen der Albers & Co. AG in Zürich, die im Bereich Immobilien und Textilien tätig ist und im Geschäftsjahr 2015/2016 bei einem Mitarbeiterstand von 312 einen Gesamtumsatz von 118 Millionen Franken erzielte. CEO der Schoeller ist der erfahrene Chemie- und Textilprofi Siegfried Winkelbeiner, der in Basel Chemie studiert hat.


Schoeller Textil AG 
Bahnhofstrasse 17
9475 Sevelen
Switzerland

T: +41 81 786 08 00
F: +41 81 786 08 10

www.schoeller-textiles.com