SELFNATION

Die Hose auf Mass startet durch

— Jeroen van Rooijen
Seit vier Jahren fertigt das Zürcher Techfashion-Start-up Selfnation Hosen auf Mass. Am Anfang waren es Jeans, inzwischen sind es auch Shorts und Chinos. Ein Besuch im «Hirn» des Unternehmens, das mit einem gänzlich anderen Ansatz von «Mode machen» für Schlagzeilen sorgt.

Dass die Computerkids eines Tages die Weltherrschaft übernehmen würden, war absehbar und ist heute im Silicon Valley ein Fakt. Die Tech-Unternehmen gehören zu den wertvollsten unserer Zeit. Dass sie eines Tages auch in der Mode den Ton angeben werden, ist auch wahrscheinlich, denn Algorithmen und die intelligente Verarbeitung von Kundendaten und Einkaufsverhalten werden die Produktentwicklung der Zukunft entscheidend prägen.

In diesem Bereich spielt das Schweizer Start-up Selfnation in Zürich eine entscheidende Rolle. Die beiden Gründer des Labels, Michael Berli und Andreas Guggenbühl, haben während ihres Studiums der Ingenieurwissenschaften an der ETH in Zürich einen Algorithmus entwickelt, mit dem aus Kundenmassen der optimale individuelle Schnitt errechnet und in eine halbautomatische Fertigung überführt wird.

2013 gründeten sie – zusammen mit Andreas’ Schwester Sandra Guggenbühl und einer Designerin in Berlin – ihre Marke und nannten sie Selfnation. Der Begriff steht einerseits für das Individuelle (self), andererseits für den grösseren Kontext der Zielgruppe (nation). Ganz von ungefähr kam das Interesse an der Mode nicht, so CEO Andreas Guggenbühl: «Ich habe immer gerne selbst Sachen gemacht, die ersten Hosen habe ich selbst genäht, in der Küche auf Mutters Nähmaschine. Das waren noch recht simple Prototypen.»


Liebe zu Detail: Kunden erhalten ein SELFNATION-Massband.
Die Materialrecherche ist auch wichtig. Bei Selfnation weiss man ganz genau, woher die Stoffe kommen.

Die Dinge einfacher machen

Was Selfnation macht, liegt auf der Hand: Alle Welt trägt Jeans, doch nur wenigen passt das standardisierte Massenprodukt, welches die marktbeherrschenden Marken anbieten, auch wirklich perfekt. Auf die Idee, diesen Missstand zu beheben, kamen die beiden Pioniere während einer Shoppingtour mit Freundinnen, auf der sie merkten, wie knifflig es ist, eine gut sitzende Jeans zu finden. «Wir haben uns gefragt, ob man das nicht alles einfacher machen könnte», erinnert sich Andreas Guggenbühl.

Das Einarbeiten ins Thema erforderte anderthalb Jahre. Doch die Investition lohnte sich, denn das Massangebot, das Guggenbühl und Berli in der Folge entwickelten, schlug ein: Nach nur einem Jahr verkaufte Selfnation, damals im Zürcher Technopark ansässig, bereits rund tausend Jeans. Warum kamen andere nicht auch auf eine solche Idee? Die Pioniere sind überzeugt: 

«Was wir machen, war wohl nur möglich, weil wir nicht Teil eines Konzerns waren – denn dort reden die Techniker und die Designer üblicherweise nicht miteinander»

2014 wurde Selfnation, die damals erst für Frauen Jeans auf Mass herstellte, für das Konzept mit dem Jungunternehmer-Preis Venture Kick ausgezeichnet, der 130’000 Franken wert war. Das Geld wurde umgehend in die weitere Entwicklung der Idee gesteckt – wenig später lancierten Guggenbühl und Berli eine Männerlinie. Inzwischen gibt es auch eine Selfnation-Chinohose, weitere Ideen sind in der Pipeline bzw. werden dieses Jahr noch lanciert. Heute zählt die Firma über 10’000 Kunden. Die Volumina konnten bisher jedes Jahr verdoppelt werden, so CEO Andreas Guggenbühl.


Im eigenen Showroom knnen aktuelle Farben, Schnitte und Materialien bestaunt werden.
Eine echte SELFNATION-Jeans besitzt ein Lederlabel im Bund und ein Tagg an der Hosentasche.

Der Computer denkt mit

Acht Masse sind es, die der Kunde zu Hause am eigenen Körper abmisst: Taillen-, Bund-, Hüft-, Oberschenkel-, Knie-, Waden- und Knöchelweite sowie Schrittlänge am Innenbein. Präzise Tutorials auf der Website von Selfnation helfen den Kundinnen und Kunden, das Massband richtig anzulegen und Fehler zu vermeiden. Die ermittelten Masse gibt der Kunde selbst in die Maske ein, im Hintergrund werden die Daten an ein Rechenzentrum übermittelt, das damit ein individuelles Schnittmuster herstellt. «Innert einer Sekunde berechnet der Computer das individuelle Schnittmuster und übermittelt dieses an den Zuschnitt, der auch maschinell erfolgt», sagt Andreas Guggenbühl.

Jede Hose, die Selfnation herstellt, ist tatsächlich komplett anders – bei einem Abgleich von Tausenden von Kundendaten zeigte sich, dass kein Datensatz gleich ist. «Wir haben auch festgestellt, dass unsere Kundschaft in aller Regel keine ‹abnormalen› Körper hat», sagt Guggenbühl. Will heissen: Den Menschen, die Selfnation-Produkte kaufen, würden auch Standardgrössen passen. Allerdings passen Hüft-, Taillen-, Oberschenkel- und Wadenweite oft nicht optimal zusammen.

Dass die Kunden selbst ihre Daten eingeben, birgt natürlich auch Risiken – nicht jeder misst auf Anhieb richtig. «Wir haben deshalb alles hundertfach mit verschiedensten Menschen durchgespielt», erklärt Andreas Guggenbühl. «So wissen wir genau, wo Fehler passieren und können Gegensteuer geben. Kommen dann doch einmal Masse rein, die unwahrscheinlich sind, erkennt das System dies sofort. Dann fragen wir beim Kunden nach, ob er vielleicht noch einmal nachmessen möchte. Damit reduzieren wir die Fehlerwahrscheinlichkeit weiter.»


Der ausgeklgelte Algorithmus basiert auf Schnittregeln, muss aber mathematisch erarbeitet werden. Dies geschieht teilweise auf dem Sitzungstisch.
Andreas Guggenbhl zeigt, worauf qualitativ geachtet wird.

Techies machen Mode

Nach Aufgabe der Bestellung werden die Selfnation-Hosen, die ab 199 Franken kosten, innerhalb von zehn bis vierzehn Tagen im Tessin genäht, aus Stoffen, die aus Italien kommen. Ein Hangtag (Etikett) weist den Kunden handschriftlich darauf hin, wer die Hose genäht hat. Fast ein Drittel der Bestellungen sind inzwischen Chinos. «Das hat uns sehr überrascht, wir wussten nicht, ob das Angebot angenommen würde», sagt Guggenbühl. Die Kundschaft von Selfnation ist in der Regel zwischen 26 und 45 Jahre jung, rund 55 Prozent davon sind Frauen, 45 Prozent Männer. «Im Schnitt kaufen unsere Kundinnen und Kunden etwa zwei Hosen im Jahr bei uns», verrät Andreas Guggenbühl. Die meisten bestellen regelmässig wieder. Sitzt eine Hose einmal wider Erwarten nicht gut, nimmt Selfnation sie zurück und bietet den Kunden an, eine neue Hose mit veränderten Massen zu fertigen oder das Geld zurückzuerhalten. Die Rückerstattungen nehmen jedoch gerade einmal zwei Prozent der Kunden in Anspruch.

Im Zürcher Büro in der Nähe des Hauptbahnhofs arbeitet Selfnation an der Technologie – den kreativen Part der Aufgaben steuert das Team in Berlin bei, wo die ganze Ästhetik und Sprache von Selfnation geformt wird. An beiden Standorten wird eifrig weiter an der Feinabstimmung des Konzepts gearbeitet. «Einer unserer Schnitttechniker hat Mathematik studiert», erzählt Andreas Guggenbühl stolz. «Es gibt wohl nicht viele solcher Berufsleute, die in der Mode arbeiten.»


Per Mausklick bequem ber den Online-Shop zur perfekten Jeans oder neu auch Chino.
Nach Eingang der Ware wird nochmals die Qualitt geprft, die Hose verpackt und an den Kunden versandt.

Vom Verband lernen

Die Modebranche effizienter, individueller und nachhaltiger machen – das ist es, was Andreas Guggenbühl und sein Team jeden Tag von Neuem antreibt. «Wir produzieren nicht tonnenweise Kleidung auf Vorrat, sondern genau das, was auch gebraucht wird», sagt der Pionier. «Ich hoffe, dass auch andere Unternehmen in diese Richtung gehen. Wir bieten unser System bei Interesse daher auch anderen Anbietern an.» Denn als Ingenieur arbeite man grundsätzlich für andere Menschen, so Guggenbühl: «Man versucht, Grundsatztechnologien zu entwickeln, die andere auch nutzen können.»

Dass ausserdem alles in der Schweiz bzw. ein Teil in Deutschland hergestellt wird, ist in dieser Branche auch ziemlich einzigartig. Alle Zulieferer und Materialpartner stammen aus direkt an die Schweiz angrenzenden Ländern.

Natürlich sucht Selfnation auch bewusst den Austausch mit anderen Innovationszentren der Branche. Dies geschieht nicht zuletzt über den Verband Swisstextiles. «Wir sind vielleicht keine typischen Mitglieder des Textilverbands», sagt Guggenbühl, «aber wir wollen gerne lernen. So profitieren wir sehr von der Informationsleistung und den Trendnews von Swisstextiles oder konnten auch schon Support in rechtlichen Fragen in Anspruch nehmen.»×



PORTRÄT

SELFNATION / RealLook AG
Die Firma Selfnation mit Sitz in Zürich und Berlin stellt Hosen auf Mass her. Kunden erfassen ihre individuellen Daten selbst und übermitteln diese online an den Hersteller, der daraus Jeans, Shorts oder Chinos fertigt. Gründer sind die beiden ETH-Absolventen Andreas Guggenbühl und Michael Berli, die 2013 zusammen mit Creative Director Sandra Guggenbühl und einer Designerin die ersten Hosen fertigten. Es sind Beinkleider für Damen und Herren erhältlich. Die Verbindung von Ingenieurskunst und Fashion-Design ist das Herzstück von Selfnation. Der Kundenstamm des Start-ups zählt inzwischen über 10’000 Personen. Gefertigt werden die Hosen in Partnermanufakturen in der Schweiz und in Deutschland.

SELFNATION / RealLook AG
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